Junge surft im Internet.

Der Verein Kinderschutz.li leistet seit fünf Jahren Präventionsarbeit – zuletzt verstärkt in digitalen Themen. Die Vereinsgründerinnen Alexandra Schiedt und Joëlle Loos sprechen im Interview über digitale Kompetenz, Verstörendes im Internet und ab wann ein Smartphone in Kinderhänden Sinn ergibt.

Eltern möchten, dass ihre Kinder wichtige Kompetenzen für die Zukunft lernen und geben ihnen deshalb ein Smartphone in die Hand. Was würden Sie diesen Eltern raten?
Joëlle Loos: Ich denke nicht, dass wir die Kinder ab dem Kindergartenalter durch-digitalisieren müssen. Von daher hängt es stark davon ab, wie alt die Kinder sind und was die Intention der Eltern ist, wenn sie ihnen ein Smartphone kaufen möchten.
Alexandra Schiedt: Wollen die Eltern zum Beispiel, dass das Kind erreichbar ist, etwa weil sie berufstätig sind und sich mit dem Kind absprechen wollen, um es abzuholen? Dann reicht für die telefonische Absprache auch ein normales Handy. Es ist ja nicht so, dass man im Primarschulalter ein Smartphone zum Lernen braucht oder permanent online sein muss.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, einem Kind ein Smartphone zu geben?
Schiedt: Die Kinder wollen es natürlich möglichst früh haben, schon in der zweiten, dritten Primarschulklasse. Dann haben schon einige Schulkollegen eines und zu Hause ist ja meist auch alles vorhanden: Tablet, Smartphone, Laptop. Daher ist es weniger eine Frage des Wann, sondern wofür und warum soll das Kind das Smartphone nutzen können.
Loos: Grundsätzlich wollen wir den Eltern raten: Erliegt nicht dem Gruppendruck. Bloss weil andere Kinder ein Smartphone haben, muss mein Kind nicht unbedingt auch ein eigenes haben. Ich denke nicht, dass ein Kind kompetenter in digitalen Fragen wird, wenn es mit sechs oder acht bereits ein mehrere Hundert Franken teures Gerät mit sich herumträgt.
Schiedt: Man muss sich auch bewusst machen, dass man mit einem Smartphone mit Internetzugang die Tür öffnet – mit allem, was das Netz zu bieten hat, Positives wie Negatives. Die Digitalisierung bringt eben auch gefährliche Themen wie Gewalt im Netz, Cybermobbing, Spielsucht oder Einschlafstörungen und vieles mehr mit sich, denen man präventiv begegnen muss. Als Eltern hat man die Verantwortung, das Kind zu schützen.
Loos: Vielen Eltern ist gar nicht richtig bewusst, was in der digitalen Welt vor sich geht. Ich denke, sinnvoll ist es, ein Kind erst das eigene Smartphone mitnutzen zu lassen. Ab den weiterführenden Schulen ist es sinnvoll, ein eigenes Handy haben. Ab da gehört es zur zeitgemässen Ausstattung und wird tatsächlich auch schulisch gebraucht. Ab 12 Jahren kann man auch einen verantwortlichen Umgang mit dem Gerät voraussetzen, ähnlich verhält es sich mit dem Umgang mit Geld. Davor sind wir der Meinung, dass der Nutzen gering ist.

Wie kann man sein Kind vor den Gefahren, die das Internet birgt, schützen?
Schiedt: Man sollte ihm schon früh vermitteln, dass vieles im Netz mit Vorsicht zu geniessen und nicht alles ernst zu nehmen ist. Am wichtigsten ist aber, dass Kinder einen Ansprechpartner haben: Wenn sich etwas komisch anfühlt, rede ich mit Mama oder Papa. Das bedeutet einen grossen Aufwand, denn es heisst, dass man das Handy nicht als Babysitter verwenden und sich das Kind mit dem Smartphone nicht sich selbst überlassen kann.

Müssen Eltern stets auf dem neusten Stand sein und wissen, welche Apps, sozialen Medien und Games gerade bei den Kindern und Jugendlichen angesagt sind?
Schiedt: Der Anspruch kann denke ich nicht sein, dass wir immer einen Schritt voraus sein müssen. Wichtiger ist, dass zuhause ein Klima herrscht, in dem miteinander gesprochen wird, wenn etwas nicht stimmt. Dabei geht es nicht nur darum, worauf das Kind im Internet stösst, sondern auch um Missbrauch, Mobbing und alle Themen, mit denen unsere Kinder aufwachsen. Grundsätzlich müssen wir natürlich auch dafür sorgen, dass sie Dinge einordnen und bewerten können.
Loos: Es hilft sicher, einmal zusammen am Handy etwas zu versuchen und gemeinsam Handy-Erlebnisse zu teilen. Ich muss zugeben, dass ich zum Beispiel Snapchat (Anm: ein Messaging-Dienst) nicht so richtig verstehe. Aber dann frage ich die Kinder: Erklärt es mir bitte nochmal. Und obwohl ich vielleicht keine grosse Lust habe, mich damit auseinanderzusetzen, interessiere ich mich für ihre Anwendungen.
Schiedt: Ja, oder man schaut sich zusammen etwas auf YouTube an. Da denke ich mir vielleicht: Was interessiert mich dieses Minecraft-Video von diesem Typen. Aber es ist wichtig, dass wir offen bleiben für die Themen, mit denen sich unsere Kinder beschäftigen. Auch wenn wir anders aufgewachsen sind und das vielleicht nicht besonders interessant finden. Denn nur so bleiben wir in Kommunikation mit dieser Generation. Wenn mal etwas nicht gut läuft, wenn in der Schule gemobbt wird, unschöne Dinge in einem Chat gepostet werden oder etwas Verstörendes im Internet gefunden wurde, dann erfahren wir das eher. Damit sie sich uns anvertrauen, müssen sie wissen, dass wir dazu auch in der Lage sind und verstehen wovon sie sprechen, wenn sie zu uns kommen.

Immer wieder ein grosses Thema unter Eltern ist die Frage nach der Nutzungszeit. Wie viel Medienzeit ist in welchem Alter okay?
Schiedt: Wir würden sicher empfehlen, dass beim Essen nicht alle am Handy sitzen und gamen. Dass abends zeitig Schluss ist, man zwischen Schulwoche und Wochenende oder Ferien unterscheidet, dass, wenn Oma zu Besuch ist, das Handy für eine Weile Pause hat.
Loos: Ein Kind braucht Regeln, das ist klar. Aber wie viel Zeit es am Smartphone, iPad oder Computer verbringen darf, das muss jede Familie für sich entscheiden. Allerdings wurde in Studien bereits nachgewiesen, dass es psychisch wie physisch Folgen hat, wenn Kinder zu lange mit den Smartphones beschäftigt sind. Bei grösseren Kindern kann ein Ansatz sein, dass man gemeinsam einen Vertrag aufsetzt. Dass man sagt: Wir halten fest, ab der und der Zeit geht das Handy in die Schublade, beim Essen am Tisch hat es nichts zu suchen, am Wochenende darf man ein bisschen länger spielen – und dann wird das gemeinsam unterschrieben. Das gibt der Vereinbarung einen erwachsenen Charakter und ist viel wirksamer, als die Nutzung einfach zu verbieten.
Schiedt: Es kommt irgendwann auch der Punkt, an dem die Kinder und Jugendlichen mit den Geräten ja auch wirklich lernen und arbeiten. Dann verschwimmen schnell die Grenzen zwischen Arbeit- und Freizeitnutzung. Grundsätzlich sollte man zuhause von Beginn an ein Bewusstsein schaffen, dass diese Geräte einen Nutzen und Gefahren haben – später im Beruf läuft fast alles über digitale Kanäle, das ist klar. Dennoch gibt es viele andere wichtige Dinge: Familie, Sport, Freunde treffen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das gehört zum Erwachsenwerden mit dazu. Eltern sind dabei gefordert, immer wieder Alternativvorschläge zu den digitalen Angeboten einzubringen.

Welchen Beitrag leistet Ihr Verein, Eltern und Kinder für digitale Themen zu sensibilisieren?
Schiedt: Wir organisieren bis zu 350 Veranstaltungen pro Jahr: Kinderworkshops, Elternabende, Lehrerschulungen und ab und zu auch grössere, landesweite Anlässe wie den Vortrag im März von Prof. Manfred Spitzer in Schaan, dem rund 1000 Menschen im SAL folgten.
Loos: Unser Programm zielt auf Kinder, Eltern und Lehrpersonen. Nur in diesem Dreigestirn funktioniert nachhaltige Prävention. Man sollte nicht glauben, dass es reicht, einem Kind ein iPad hinzustellen, um ihm die Digitalisierung näherzubringen. Dafür braucht es viel mehr.
Schiedt: Wir versuchen mit unserem Präventionsprogramm einen kleinen Beitrag zu leisten, etwa mit unserem neuen Pilotprojekt „Medienprofis“, mit dem Kinder an eine vernünftige Mediennutzung herangebracht werden sollen. Wir hoffen, dass sich neben den bereits teilnehmenden Schulen noch weitere offen für diesen Workshop zeigen werden. (pd)

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