Marion Vogel ist Präsidentin der Aeternity Crypto Foundation in Liechtenstein. Im Gespräch erklärt sie, weshalb das Silicon Valley längst nicht mehr das einzige Tech-Zentrum der Erde ist und weshalb Aeternity den Hauptsitz in Liechtenstein aufgebaut hat.

Frau Vogel, ein Ziel von Aeternity ist es, dass die Blockchain-Technologie für den Massenmarkt nutzbar gemacht werden kann. Kurz für den Laien zusammengefasst: Wer oder was ist Aeternity?
Aeternity als solches, also die Basis, ist ein Blockchain-Protokoll mit vielen interessanten Features. Zum Beispiel ist eine sehr hohe Skalierbarkeit der Transaktionen möglich. Es gibt Oracles, mit denen man externe, öffentliche Daten – wie zum Beispiel den Goldpreis, den Ölpreis oder Wetterdaten – in Smart Contracts einbinden kann. Das Aeternity Ecosystem, das grosse Ganze, hat mittlerweile ganz viele Elemente. Zum Beispiel gibt es einen globalen Startup-Accelerator, der schon in der 3. Runde ist. Es werden Direktinvestments in andere Projekte getätigt, mit denen es Synergien zur Aeternity-Plattform gibt. Auch gibt es Geschäfts­entwicklungen und Partnerschaften in vielen Teilen der Erde, z. B. in Indien, China, Uruguay und Brasilien. Ein nicht zu unterschätzender und oft nicht beachteter Aspekt, um eine Technologie für den Massenmarkt bereitzustellen, ist die Qualität sowie Dokumentation des Quellcodes, also das tatsächliche technologische Herzstück eines Projekts. Dieser Code muss für Entwickler und neue Projekte sehr gut zugänglich und sauber dokumentiert sein. Auf langfristige Sicht – und meiner Meinung nach auch als stärkster Erfolgsgarant – muss der Code von der ersten programmierten Zeile an für hochskalierbare Robustheit und Sicherheit auslegt sein, sonst fällt einem das später auf die Füsse. Da hilft dann auch kein vorlautes Marketing oder Last-Minute-Reparaturen.

Wenn man das Ökosystem von Aeternity betrachtet, so fällt die Vielzahl an Projekten auf. Wie kommt diese hohe Anzahl (Apps, Finanzierungen, Konferenzen, etc.) zustande?
In erster Linie stand und steht immer die Technologie, also das Protokoll, im Zentrum. Mit Aeternity wollten wir eine Technologie ins Leben rufen, welche die Möglichkeiten, die Sicherheit und auch einfache Anwendbarkeit auf ein neues Level hebt. Ich erlaube mir sagen zu dürfen, dass das Team hier einen hervorragenden Job leistet. Doch eine Plattform ohne Nutzer wäre vergebene Mühe. Jetzt, da die Technologie bereit ist, haben wir grosse Freude daran, dies auch zu demonstrieren und über alle Möglichkeiten aufzuklären. Aus rein technologischer Sicht sind dem wenig Grenzen gesetzt. Diese, nennen wir es technologische Freiheit, spornt an, sich in vielen Bereichen auszuprobieren und dadurch wiederum Neues zu lernen. Lange Rede, kurzer Sinn: Neugierde, Enthusiasmus, gute Planung bei gleichzeitiger Offenheit für schnelle Entscheidungen führen zu dem breitgefächerten Aeternity-Ökosystem.

Wieso fokussieren Sie nicht auf einzelne Projekte? Bei so einer Vielzahl an Projekten und Branchen besteht ja auch die Gefahr, dass man sich verzettelt.
Dafür ist das Leben leider zu kurz! Spass beiseite. Ich gebe Ihnen vollkommen recht, es ist unheimlich wichtig, die Fähigkeit zu erlernen, sich auf einzelne Aufgaben bzw. Projekte, zumindest sequenziell, zu konzentrieren. Eins nach dem anderen. Gleichzeitig hat man als Unternehmer, gerade im Bereich der Blockchain Technologie mit ihrer Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten, immer die Vision vor Augen, sofort den nächsten Schritt zu gehen, um einen positiven Einfluss in etwaige sozio-ökonomische Strukturen zu erwirken. Nüchtern betrachtet ergibt eine hohe Streuung an Aktivitäten die Sicherheit, dass auch mal etwas schiefgehen darf, beziehungsweise positiv betrachtet, einen schnelleren Fortschritt des Projekts, sei es technisch, geschäftlich oder bezüglich des Bekanntheitsgrads. Nicht nur die Transaktionen müssen hochskalierbar sein, sondern eben auch die (menschlichen) Aktivitäten, die die Plattform beleben. Ich möchte betonen, dass so ein globales, multi-dimensionales Vorhaben nur mit fantastischen Team-Mitgliedern sowie einer weltweiten Gemeinschaft an Blockchain-Enthusiasten, die uns tagtäglich unterstützen, zu ermöglichen ist.

Schauen wir einige Ihrer Projekte konkreter an. Auf Ihrer Open-Source-Plattform können Externe dezentrale Applikationen entwickeln. Weshalb stellen Sie das kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung?
Dies hat mehrere Aspekte. Zum einen, zumindest im Ursprung von echter Blockchain-Technologie, die eben Open Source ist, hat die freie Zugänglichkeit tatsächlich gewisse soziale Gründe. Die Nutzung soll frei sein und zwar für jedermann. Es soll keine Exklusion durch hohe, monetäre oder anderweitige z. B. geografisch bedingte Einstiegsbarrieren geben. Frei zugängliche Blockchain-Technologien dürfen als öffentliches Gut betrachtet werden. Zum anderen gibt es sehr viele technische Gründe. Open-Source-Technologien sind 100 Prozent einsehbar und dadurch nachvollziehbar. Ein gutes Beispiel ist die Applikation Whatsapp. Vor ein paar Jahren kam im Endkonsumentenmarkt das Bedürfnis nach Privatsphäre auf. In kurzer Zeit wurden bei E-Mail- und Nachrichtenanbietern plötzlich die Optionen auf Verschlüsselungen angeboten. Ist das nicht ohnehin seltsam? Kaum wurde öffentlich diskutiert, wie und wo die Nachrichten davor abgespeichert und abgesichert waren. Auch bei Whatsapp wurde auf verschlüsselte Nachrichten umgestellt. Der Code ist allerdings nicht einsehbar. Das heisst, es ist nicht nachvollziehbar, ob der Code tatsächlich eine «end-­to-end-encryption», also Verschlüsselung garantiert. Es kann auch möglich sein, dass bei der Datenübermittlung auf einem Server Nachrichten ent- und wieder verschlüsselt werden, bevor sie weitergesendet werden. In Zukunft wird genau diese Nachvollziehbarkeit, was Technologien tatsächlich tun, z. B. auch Büroanwendungen wie Micro­soft oder ganz besonders auch Cloud-­Services immer wichtiger. Zum (Ei­gen-)Schutz von Privatpersonen und auch z. B. für öffentliche Institutionen und Regierungen, die sehr sensible Daten verwalten. Open-Source-Technologie ist mit ihrer Nachvollziehbarkeit nicht nur sicherer, sondern auch flexibler. Man ist nicht auf einen einzelnen Hersteller angewiesen. Man kann selbstständig an Anwendungs-Features mitwirken und offen mit der Entwicklergemeinschaft diskutieren und meist schneller und günstiger entwickeln. Das ist ein grosses Plus für Agilität im künftig immer digitaleren (Wirtschafts-)Alltag.

Aeternity hat einen globalen Start-up Accelerator gegründet. Was kann man sich darunter vorstellen? Welche Aufgaben hat der Accelerator?
Zusammengefasst beschäftigt sich der Aeternity Starfleet Accelerator mit der Suche nach interessanten Projekten und deren Selektion, denen man in ihrer Startphase unter die Arme greifen kann. Es werden Coaching-Lektionen angeboten und Investments getätigt. Der Accelerator ist ein «Intentiv-Programm», bei dem innerhalb weniger Wochen den Start-ups das Grundhandwerkszeug in die Hände gelegt wird, um übliche Start-up-Anfangsschwierigkeiten zu erleichtern, damit sie möglichst fokussiert ihr Vorhaben durchziehen können. Aus der ersten Starfleet-Generation sehen wir bereits die ersten Erfolge. Ein Projekt names Ampnet hat zum Beispiel kürzlich eine Partnerschaft mit Greenpeace geschlossen, um dezentrale Strommärkte mit erneuerbaren Energien aufzugleisen.

Der Start-up Accelerator hat Editionen in Bulgarien, Indien und Malta. Weshalb haben Sie sich ausgerechnet für diese Standorte entschieden?
Das ist eine sehr gute Frage! Die Lokalitäten wurden durchaus viel diskutiert und eine ganze Menge an Faktoren spielen eine Rolle bei der Auswahl. Irgendwo muss man eben anfangen und es zeigt sich, das trotz, quasi nahtloser, digitaler Kommunikationsmöglichkeiten ein physisches Zusammenkommen wichtig für den Teamgeist und die Produktivität ist. Nichtsdestotrotz, das Starfleet-Programm war von Anfang an international ausgerichtet. Bei der Edition in Bulgarien haben Teams aus Deutschland sowie Kenia teilgenommen. Der tatsächliche Ort des Geschehens ist aufgrund guter Flugverbindungen nur zweitrangig. Falls notwendig greift man dann eben doch auf zuverlässige Internet-Streaming-Services zurück. Das funktioniert bisher sehr gut und es wäre eine grosse Freude, künftig auch mal ein Projekt aus Liechtenstein an den Start gehen zu sehen.

Im Finanzbereich arbeitet Aeternity mit dem Londoner Zahlungsdienstleister SatoshiPay zusammen. Soll hier ein zweites Revolut entstehen?
Ein besseres Revolut! SatoshiPay macht einen guten Schritt nach dem anderen und ist bereits ein etablierter Begriff in der Blockchain-Szene. Alle sind gespannt auf die weitere Entwicklung des Projekts.

Aeternity wurde 2016 in Liechtenstein gegründet. Weshalb wurde ausgerechnet das Fürstentum ausgesucht?
Der erste offizielle Termin fand im Sommer 2016 bei der FMA statt. Ich persönlich bin diesem Termin mit grossem Respekt entgegengegangen. Man stellt sich ja nicht tagtäglich bei einer Finanzmarktaufsicht vor und schon gar nicht erst mit einem so ambitionierten Projekt, das viele Fragen mit sich brachte. Um es zusammenzufassen: Wir, also Yanislav Malahov, zwei weitere Kollegen und ich wurden sehr freundlich und mit Interesse empfangen. Wir haben sofort vermittelt bekommen, dass die FMA sich sehr gut mit dem Blockchain-Thema auskennt, es wurden uns die richtigen Fragen gestellt und ein gewisser Bewegungsrahmen erklärt. Wir hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und bekamen kompetente Auskunft. So hat sich das weitergezogen bis zur doch recht schnellen Gründung um November 2016. Man könnte, bildhaft erklärt, sagen, wir sind danach auf öffentliche Ämter- und Ökosystem-Erkundungstour gegangen. Wir sind stets mit offener Tür, hilfreichen Informationen und Freundlichkeit begrüsst worden. Dies alles hat dazu beigetragen, Liechtenstein sozusagen als Hauptquartier einzurichten. An dieser Stelle, und ich spreche hier gerne auch für das Team, wir fühlen uns bis heute, drei Jahre später, immer noch sehr wohl und willkommen in Liechtenstein, das sich gerne als fantastisches Unternehmerland betiteln lassen darf.

Inwiefern wird das neue Blockchain-Gesetz Ihre Arbeit beeinflussen?
Wie anfangs erwähnt, aus technologischer Sicht sind den Anwendungsfällen wenig Grenzen gesetzt – wenn man sich traut, sich darauf einzulassen. Blockchain-Technologie macht Transaktionen schneller, günstiger und fälschungssicher. Schon allein diese drei Aspekte bringen Effizienz in viele Strukturen und Prozesse. Aus regulatorischer Sicht ist es nicht ganz so einfach, Applikationen, vor allem auch im Finanzbereich, umsetzen, da es eine sehr regulierte Industrie ist mit vielen festgelegten, schwer änderbaren Prozessen. Mit Sicherheit wird hier das Liechtensteiner Blockchain-Gesetz glänzen können und Klarheit für alle Akteure bringen. Ich bin überzeugt, dass das Gesetz bei jungen, mutigen Unternehmern Anklang findet. Auch hoffe und erwarte ich, dass etablierte Unternehmen die Chance wahrnehmen und ins kalte, mit dem Gesetz nun klare Wasser springen. Die Aeternity-Technologie sowie die Projektinfrastruktur ist bereit und wir freuen uns auf ein reges Wachstum im allgemeinen Blockchain-Ökosystem. Wer weiss, vielleicht gibt es auch von unserer Seite her bald Neues dazu zu berichten.

Wie sind eigentlich Sie persönlich auf die Blockchain-Technologie gestossen? Eigentlich kommen Sie ja aus der Automobilbranche …
Meine ersten Berührungspunkte mit Bitcoin hatte ich in San Francisco. Durch einen glücklichen Umstand bin ich für einen Job im März 2014 dorthin gezogen. Die Gastgeber meines Airbnbs hatten ein Bitcoin-Wallet-Start-up, welches mich sofort fasziniert hat. Seit Tag eins in Kalifornien habe ich mich dann mit der Thematik beschäftigt. Interessant hier ist, dass, obwohl ich zwei Jahre im technologischen Epizentrum gewohnt habe, Bitcoin und später dann auch andere Blockchains wie Ethereum immer eine Aussenseiterrolle gehabt haben. Jobs bei Google, Facebook und berühmten Start-ups waren deutlich angesagter. Nach meiner Rückkehr nach Europa habe ich dann festgestellt, dass z. B. in Berlin oder Zürich, Zug oder Amsterdam die Bitcoin-Szenen schon wesentlich grösser, organisierter und populärer waren. Das ist bemerkenswert und Silicon Valley ist längst nicht mehr das alleinherrschende Tech-Center der Erde.

Derzeit ist die Blockchain für viele Menschen noch etwas sehr Abstraktes. Ab wann, glauben Sie, wird die Blockchain ihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft gefunden haben?
Eine punktgenaue Prognose ist schwer abzugeben, ich glaube, das ist auch gut so. Es kann durchaus schneller gehen, als man denkt. Eine sogenannte Killer-App kann die Anwendung von Blockchain-Technologie im Alltag quasi über Nacht hervorrufen. Wer weiss, in welchem Bereich das passieren wird? Die Blockchain-Technologie wird hier vielleicht auch keinen Erste-Reihe-Platz einnehmen in puncto Wichtigkeit, zumindest nicht bei den Endanwendern. Blockchain ist ein hervorragendes Back­end, quasi eine technologische Infrastruktur, wie das Internet. Obwohl sie es meiner Meinung nach verdient hätte, in aller Munde zu sein, ist es auch absolut in Ordnung, die Rolle des «cool-kids» zu bekommen, das sich stillschweigend durch sämtliche sozio-ökonomische Strukturen schleicht und dabei zu mehr (finanzieller) Selbstbestimmtheit, Gleich­berechtigung und Freiheit führt. Das wäre beziehungsweise wird klasse! (ags)

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