Träumt von einer europäischen Cloud-Lösung: Peter Altmaier. Bild: Keystone

Wir im Vaduzer Medienhaus erfahren gerade am eigenen Leib, wie sich die Abhängigkeit von grossen Digitalkonzernen anfühlt: Im Juni änderte Whatsapp seine allgemeinen Geschäftsbedingungen, sodass Massenversände wie zum Beispiel ein Newsletter per Whats-app nicht mehr erlaubt sind. Die Regelung gilt ab dem 7. Dezember, danach will Whatsapp fehlbare Accounts sperren und gegen Unternehmen vorgehen, die sich nicht an die neuen Regeln halten. Das bedeutet: Wir müssen für unseren beliebten «Vaterland»-Whatsapp-Newsservice eine neue Lösung suchen. Mehr als 3000 Empfänger haben den Dienst abonniert; die Rückmeldungen der Nutzer sind seit Beginn sehr positiv. Trotzdem waren wir nicht naiv: Es ist nicht unser eigener Kanal und die Facebook-Tochter Whatsapp kann jederzeit Änderungen an ihrem Geschäftsmodell vornehmen – wie eben geschehen. Wir haben schon früh begonnen, Alternativen zu prüfen und werden rechtzeitig andere Services auf mehreren Kanälen anbieten, damit unsere Leser weiterhin topaktuell auf dem Laufenden bleiben.

We are the champions

Auch Deutschlands Wirtschaftsminister Peter Altmaier hätte gerne, dass Deutschland und Europa unabhängiger von den amerikanischen Tech-Riesen werden. Zu Beginn des Jahres präsentierte er seine nationale Industriestrategie. Darin steht, dass Altmaier die Schaffung grosser Konzerne fördern will. Es sollen «nationale» oder «europäische Champions» entstehen. Nur so könne die europäische Wirtschaft den Konzernen aus Amerika – und zunehmend auch Asien – Paroli bieten. In der Logik der «Winner takes it all»-Ökonomie sind diese Überlegungen nachvollziehbar. Aber Altmaier brachte damit den Mittelstand, einen der bedeutendsten Wirtschaftskräfte in Deutschland, gegen sich auf. Schliesslich tummeln sich im Mittelstand sehr viele Champions anderer Art: die «Hidden Champions», also Weltmarktführer in Nischen, die nicht allgemein bekannt sind.

Eine europäische Cloud?

Wo Altmaier recht hat: Es gibt keinen einzigen europäischen Digitalkonzern von Weltrang – mit Ausnahme von SAP im B2B-Bereich. Zwar gibt es einige Perlen, beispielsweise Teamviewer aus Göppingen, Deutschland. Das Unternehmen ist weltweit führend in den Bereichen Softwarewartung und Fernzugriff und plant demnächst einen milliardenschweren Börsengang. Oder die Übersetzungsplattform DeepL aus Köln, die Texte und ganze Dokumente besser als der Google Translator übersetzt. Oder Pipedrive aus Tallinn, Estland, die Entwickler eines der beliebtesten CRM nach dem Prinzip «Software as a Service».

Dennoch, es sind die amerikanischen Megakonzerne Facebook, Apple und Google, die unser digitales Leben dominieren. Amazon und Microsoft sind zudem in einem Bereich stark, den der Normal-User gar nicht sieht: den Cloud-Diensten. Etliche Unternehmen greifen auf die Infrastruktur der beiden Digitalkonzerne zurück, um ihre Daten zu verarbeiten. Um zumindest hier entgegenzuwirken, hat Peter Altmaier kürzlich die Idee einer europäischen Cloud vorgestellt: Viele verschiedene Cloud-Anbieter sollen sich zu einem Netzwerk zusammenschliessen und so Europa mit Rechenkraft und Speicherkapazität versorgen. Wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete, soll die Cloud «Gaia-X» heissen. Eine noch zu gründende Organisation übernähme die technische Koordination. Ob das klappt? Ein staatlich verordnetes Geschäftsmodell gegen die mächtigsten (und reichsten) Digitalkonzerne der Welt?

Leider geil

So gerne man auch auf heimische Lösungen zurückgreifen möchte: Die Cloud-Services der amerikanischen Konzerne, zum Beispiel die GSuite von Google, sind – pardon – «leider geil»: extrem stabil, schnell und dank fortlaufender Weiterentwicklungen kommen stets neue innovative Funktionen hinzu. Kriegt das ein zusammengewürfeltes Konglomerat aus europäischen Anbietern auch hin?

Für Liechtenstein erübrigt sich die Diskussion um «nationale Champions» ohnehin. Es bleibt eigentlich nur eine Strategie übrig: Wir müssen unsere Geschäftsmodelle und Software-

architekturen so flexibel wie möglich gestalten, damit sie unabhängig von den Angeboten der Grosskonzerne funktionieren können. Vielleicht steht ja ohnehin bald ein grosser Wechsel an: Die neuen grossen Tech-Player heissen Alibaba, Tencent und Baidu und kommen aus China. Dann würden wir die «Vaterland»-News auf der chinesischen Messenger-App WeChat ausliefern. Social-Credits-System inklusive. (db)

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