Landesbibliothekar Wilfried Oehry sieht in E-Books eine sinnvolle Erweiterung des Bibliotheksangebots.

Ist das gedruckte Buch im digitalen Zeitalter ein Auslaufmodell? Mitnichten, sagt Landesbibliothekar Wilfried Oehry. Er ist überzeugt, dass die klassische und elektronische Variante nebeneinander existieren können und werden.

Interview: Oliver Beck

Der digitale Wandel macht auch vor den Bibliotheken nicht halt. Erleben wir die allmähliche Ablösung des Buches durch seine digitalen Nachkommen?

Wilfried Oehry: Die Liechtensteinische Landesbibliothek bietet seit dem Jahr 2011 auch digitale Medien an, insbesondere E-Books. Trotzdem haben wir noch nie so viele gedruckte Bücher ausgeliehen wie im letzten Jahr. Eine Ablösung des Buches durch die E-Books sehe ich nicht.

Die Nachrichtenagentur SDA vermeldete mit Bezug auf die Schweizer Bibliotheksstatistik 2018 einen Rückgang der physischen Bestände der zehn grössten Bibliotheken um zwei Prozent. Das Angebot an digitalen Medien dagegen sei um zwölf Prozent gewachsen. Wie passt das mit Ihrer Aussage zusammen?

Diese Meldung beschreibt keinen allgemeinen Trend. Der Rückgang des gesamten Medienangebots der zehn grössten Bibliotheken der Schweiz gemäss der Tabelle des Bundesamtes für Statistik ist allein auf die Kantons- und Universitätsbibliothek Lausanne zurückzuführen. Ihr Medienbestand hat sich von 2017 auf 2018 um 20 Prozent verringert, nachdem er sich von 2015 auf 2016 um 35 Prozent erhöht hatte. Hier liegt offensichtlich ein Spezialfall vor. Klammert man diesen Spezialfall aus, hat sich das physische Medienangebot der neun grössten Schweizer Bibliotheken im 2018 um 1,2 Prozent erhöht. Zum Bestand an elektronischen Zeitschriften und E-Books gibt es in der Tabelle des Bundesamtes für Statistik zudem keine Gesamtzahl, die mit dem Vorjahr verglichen werden könnte.

Sie sehen also eine konträre Entwicklung?

Die Bibliotheken bauen ihren digitalen Bestand fortlaufend aus. Das ist richtig. Das gedruckte Buch bleibt aber gerade für die öffentlichen Bibliotheken zentral. Die Schweizer Bibliotheksstatistik 2018 zeigt beispielsweise bei den öffentlichen Bibliotheken in den Städten ein starkes Wachstum der physischen Bestände – um 4,8 Prozent.

Und wie verhält es sich mit dem Bestand der Landesbibliothek?

Unser physischer Medienbestand – hierzu gehören neben Büchern auch Zeitschriften, Hörbücher und Filme – steigt seit Jahren kontinuierlich an. Zuletzt, zwischen 2017 und 2018, hat er sich um zwei Prozent erhöht. Wenn wir nur den Buchbestand anschauen, so hatten wir letztes Jahr ebenfalls eine Zunahme um zwei Prozent.

Weshalb wächst der Buchbestand der Liechtensteinischen Landesbibliothek?

Ein Grund liegt in unserer Rolle als Nationalbibliothek. Die Landesbibliothek hat den gesetzlichen Auftrag, alle Publikationen über Liechtenstein und aus Liechtenstein zu sammeln, zugänglich zu machen und langfristig sicher aufzubewahren. Der Bestand an Liechtenstein-Publikation steigt also zwangsläufig, solange es Neuerscheinungen gibt. Es gibt aber noch einen anderen Grund.

Und der wäre?

Die Ausleihen. Im vergangenen Jahr sind die Ausleihen gedruckter Bücher in der Landesbibliothek um sechs Prozent gestiegen. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich in der Schweiz beobachten. Bei den öffentlichen Bibliotheken in den Städten haben die Ausleihen von Druckschriften im 2018 um sechs Prozent zugenommen.

Die Zunahme physischer Bestände ist demnach eine direkte Reaktion der Bibliotheken auf die Bedürfnisse ihrer Nutzerinnen und Nutzer?

Genau. Neben unserer Rolle als liechtensteinische Nationalbibliothek ist dies der Hauptgrund für die steigenden Bestandszahlen. Wir haben letztes Jahr mehr Medien im allgemeinen Bereich angeschafft als Liechtenstein-Publikationen.

Welche Erklärung haben Sie für die hier wie in der Schweiz steigende Nachfrage?

Bibliotheken sind offensichtlich im Trend.

Wie hat sich bei der Landesbibliothek demgegenüber die Zahl der Onlineleihen entwickelt?

Die Ausleihe digitaler Medien über das Internet, beispielsweise von E-Books oder elektronischen Zeitschriften, bieten wir als Mitglied der Digitalen Bibliothek Ostschweiz (Dibiost) an. Die digitalen Ausleihen sind im vergangenen Jahr noch stärker gewachsen als die physischen Ausleihen. Sie haben um 26 Prozent zugelegt.

Könnte das eventuell nicht doch ein wenig gegen das gedruckte Buch respektive für ein sich veränderndes Ausleihverhalten sprechen?

Was man sagen kann, ist, dass der Anteil der digitalen Ausleihen wächst. Im Jahr 2018 waren aber immer noch mehr als vier Fünftel der Ausleihen physische Medien. E-Books sind eine wichtige Erweiterung des Bibliotheksangebots und wir sind froh, dass das Medienangebot auf Dibiost genutzt wird. Es wäre aber falsch zu glauben, dass deswegen die Ausleihen gedruckter Bücher zurück-gehen müssen.

«Unverzichtbar scheint mir das Lesen. Die Form, in welcher ein Text ­präsentiert wird, ist zweitrangig.»

Auch auf lange Sicht nicht? Bücher scheinen gegenüber E-Books auf den ersten Blick nicht die allerbesten Karten zu haben: Sie brauchen Platz, sind mit Druckkosten verbunden, die Ressource Papier kann knapp werden …

Am meisten Platz und Ressourcen können wir alle natürlich sparen, wenn wir Bücher aus einer Bibliothek ausleihen (lacht). Bibliotheken sind deshalb kein Auslauf-, sondern ein Zukunftsmodell. Meiner Meinung nach wird es das Buch noch lange geben. Bücher und E-Books haben unterschiedliche Vorteile. Ein Buch kann man in der Hand halten und darin blättern. Ein Buch ist schnell aufgeschlagen, man kann sich gut orientieren. E-Books haben dagegen den Vorzug, dass viele verschiedene E-Books auf einem Reader, iPad oder ähnlichen Geräten gespeichert werden können. Das wiederum bedeutet eine hohe Mobilität. Auch die Möglichkeit, die Schrift zu vergrössern, kann ein Vorteil sein. Die Menschen haben unterschiedliche Nutzungsinteressen, entsprechend haben beide, Bücher und E-Books, ihre Daseinsberechtigung.

Die Zeichen stehen also auf Co-Existenz?

Ich denke, darauf wird es langfristig hinauslaufen. E-Books erweitern das Bibliotheksangebot, sie werden das gedruckte Buch aber nicht verdrängen. Nur im wissenschaftlichen Bereich stellt sich die Situation anders dar. Ein Teil der wissenschaftlichen Publikationen erscheint schon länger nur noch in elektronischer Form. Das wird sich in Zukunft noch verstärken.

Weshalb ist das so?

In der wissenschaftlichen Forschung haben die elektronischen Journals heute eine zentrale Bedeutung. Und bei wissenschaftlichen Spezialpublikationen mit kleinen Auflagen lassen sich mit der elektronischen Version hohe Druckkosten sparen. Dies gilt insbesondere für Dissertationen und Diplomarbeiten.

Die guten Überlebenschancen des gedruckten Buchs dürften wohl ganz in Ihrem Sinne sein. Zumindest stehen Sie als Landesbibliothekar automatisch im Verdacht, ein Bücherliebhaber zu sein.

Die Liebe zu den Büchern gehört wohl zu meinen Schwächen. Bücher eröffnen neue Welten. Bücher bedeuten Leben.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir als Beispiel einen Roman, der eine Familiengeschichte erzählt. Wenn wir diesen Roman lesen, tauchen wir ein in das Leben dieser Menschen, wir erleben, was sie empfinden, wir sehen mit ihren Augen eine andere Welt und kommen ihnen näher.

Auch uns selbst?

Lesen ist wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Wenn man es provokant formulieren will: Nicht, was wir lesen ist wichtig, sondern dass wir lesen.

Und wie wir lesen? Ist eine Gesellschaft ohne gedruckte Bücher überhaupt erstrebenswert?

Unverzichtbar erscheint mir das Lesen. Die Form, in welcher ein Text präsentiert wird, ist zweitrangig. Lesen ist, wie gesagt, bedeutsam für die Persönlichkeitsentwicklung. Es stellt in unserer Gesellschaft aber auch eine wichtige Grundkompetenz dar und hilft, beruflich erfolgreicher zu sein. Verschwänden gedruckte Bücher von einem Tag auf den anderen, so bin ich aber überzeugt, dass viele Menschen verzweifelt wären – weil ihnen etwas Wesentliches im Leben weggenommen würde. Das Buch ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Zivilisation. Geschichten zu lesen oder zu hören entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis.

Lesen Sie selbst auch digital?

Ja, ich verwende einen E-Book-Reader. E-Book-Reader können sehr praktisch sein, beispielsweise um in ein Buch hineinzulesen und zu sehen, ob es einem gefällt.

Und könnten Sie sich auch vorstellen, einer Landesbibliothek vorzustehen, die nur noch über digitale Bestände verfügt?

Im Bereich der Liechtenstein-Publikationen sehe ich das nicht. Dort haben wir den Auftrag, auch die gedruckten Publikationen langfristig aufzubewahren. In allen anderen Bereichen orientieren wir uns aber an der Nachfrage unserer Nutzerinnen und Nutzer. Sie bestimmen letztlich die Grösse unserer physischen Bestände. Wenn die Bevölkerung irgendwann nur noch in digitaler Form lesen möchte, wäre unser Schwergewicht bei den digitalen Medien. Die Digitalisierung bietet den Bibliotheken viele Chancen, und es ist wichtig, dass wir diese nutzen. Ich denke hier zum Beispiel an unsere Webplattform eLiechtensteinensia mit digitalisierten Publikationen über Liechtenstein.

 

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