Jennifer Rheinberger: «Internetsucht lässt sich nicht alleine an der Zeit festmachen».

Jennifer Rheinberger spricht als Jugendschützerin beim Amt für Soziale Dienste über sicheres Surfen im Netz und erklärt, wie viel Zeit Kinder im Internet verbringen sollten und woran Eltern eine Onlinesucht erkennen können.

Interview: Dorothea Alber

Frau Rheinberger, Sie waren als Jugendschützerin vergangene Woche am Rande des Safer Internet Days im Jugendinformationszentrum «Aha», um Fragen der Jugendlichen zu beantworten. Welche Themen rund ums Internet beschäftigen Jugendliche in Liechtenstein derzeit?
Jennifer Rheinberger: Ein Thema in den letzten Monaten war, dass WhatsApp die Altersbeschränkung laut Nutzungsbedingungen auf 16 Jahre angehoben hat. Viele stellten sich daher die Frage, ob sie den Dienst noch nutzen dürfen oder was mit den Klassenchats passiert. Wir empfehlen aufgrund des besseren Datenschutzes alternative Apps wie z.B. Threema. Social Media ist ein Thema, das viele beschäftigt. Das «Aha – Tipps und Infos für junge Leute» bot Jugendlichen am 6. Februar zum Beispiel an, ihre Social-Media-Seite checken zu lassen und ihre Privatsphäre-Einstellungen prüfen zu lassen. Wenn ich mit Jugendlichen spreche, bin ich immer wieder überrascht, dass sich viele durchaus bewusst darüber sind, wer ihre Bilder und geteilten Informationen sehen kann und sie kaum kompromittierende Bilder öffentlich ins Netz stellen. Und trotzdem kommt es immer wieder vor, dass einzelne Jugendliche guten Freunden oder einem Partner bzw. einer Partnerin sehr persönliche Fotos zuschicken, ohne sich der eventuellen Folgen darüber bewusst zu sein. Hier denke ich z.B. an Sexting.

Viele Eltern würden eher das Gegenteil erwarten, dass sich Jugendliche generell unvorsichtig auf sozialen Netzwerken wie Facebook bewegen.
Es gibt beides. Die einen gehen sehr bewusst mit digitalen Medien um und andere sind eher unvorsichtig. Auf Facebook sind allerdings kaum mehr Jugendliche zu finden, diese bevorzugen Snapchat und WhatsApp, wobei letzteres Facebook gehört.

Was ist Ihrer Erfahrung nach ein grosses Problem für Jugendliche im Netz?
Gerade auf Social Media werden häufig geschönte Bilder und Videos gepostet. Social Media Stars posten Fotos, die aus besonders vorteilhaftem Blickwinkel aufgenommen sind, die Körper makellos, dünn oder durchtrainert, Gesichter durch Filter und Bearbeitung ebenmässig und schön. Alle scheinen ein aufregendes Leben zu führen und posten von Ferien, teuren Autos oder tollen Partys. Dies kann Druck auf Jugendliche ausüben, denn das reale Leben ist meist eben nicht makellos oder nur aufregend und toll. Auch ständige Erreichbarkeit oder die Angst, etwas zu verpassen, kann Druck auslösen. Manche WhatsApp-Chats fliessen schier über vor Nachrichten. Schreibt jemand nicht direkt zurück – oder noch schlimmer, beginnt eine Nachricht und bricht dies dann wieder ab – kann dies von manchen sogar als unhöflich wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass uns bei geschriebenen Nachrichten Mimik und Gestik fehlen. So kann es auch mal zu Missverständnissen kommen. Ein weiteres Thema ist die Anonymität. Durch sie kommt es im Internet vor, dass Leute schneller etwas Beleiddigendes sagen. Mobbing kann sich dadurch im Internet viel schneller verbreiten, weil man jemandem etwas nicht direkt ins Gesicht sagen muss.

Was können Kinder und Jugendliche tun, um nicht Opfer von Mobbing im Netz zu werden?
Jeder kann von Cyber-Mobbing betroffen sein. Wenn man häufig im Netz beleidigt wird, sollte man unbedingt die Nachrichten speichern und dokumentieren, zum Beispiel Screenshots machen. Insbesondere bei einer Anzeige ist es wichtig, Beweise vorlegen zu können. Wichtig ist auch, dass Kinder und Jugendliche sich Hilfe suchen, Mobbing melden und sich den Eltern, Lehrpersonen oder der Schulsozialarbeit anvertrauen.

Sind Ihnen Fälle von Mobbing im Netz in Liechtenstein bekannt?
Persönlich nicht, doch Cyber-Mobbing kommt sicherlich auch in Liechtenstein vor. Ich glaube nicht, dass es bei uns ein zunehmender Trend ist. Dennoch sollten Kinder und Jugendliche dafür sensibilisiert und darin bestärkt werden, solche Fälle nicht einfach hinzunehmen und stopp zu sagen. Die aktuelle Kampagne der Gewaltschutzkommission «Respektvoll zusammen» sensibilisiert genau dafür.

Wie viel Zeit sollte ein Kind täglich im Internet surfen?
Es gibt altersabgestufte Empfehlungen. Für ein Kind zwischen vier und sechs Jahren empfiehlt sich eine Mediennutzung von maximal 30 Minuten am Tag. Zwischen sieben und zehn Jahren werden circa 45 Minuten empfohlen. Zwischen elf und 13 Jahren wären es circa 60 Minuten. Umso jünger Kinder sind, umso mehr sollten Eltern sie im Netz begleiten und sich über die Online-Aktivitäten informieren. Manche verbringen soviel Zeit beim Online-Gaming oder auf Social-Media-Plattformen, dass es im Sinne einer Suchtentwicklung problematisch werden kann.

Ab wann ist jemand süchtig?
Das Schwierige ist, dass sich eine Sucht nicht alleine an der Zeit festmachen lässt. Sie ist nur ein Indiz. Ein weiteres ist, wenn man andere Verpflichtungen vernachlässigt, sich nicht mehr mit Freunden trifft oder andere Hobbies vernachlässigt oder aufgibt. Ein drittes Merkmal wäre, wenn Kinder oder Jugendliche ihr Verhalten nicht mehr einschränken können oder es ihnen schwerfällt, das Online-Spiel auszuschalten, um die wartenden Hausaufgaben zu erledigen. Auch wenn Familie und Freunde jemanden darauf bereits angesprochen haben und dadurch schon Konflikte entstehen, dann kann dies ebenfalls ein Zeichen für eine problematische Entwicklung sein. Spätestens wenn man immer mehr und immer länger spielen muss, um das gleiche euphorische Gefühl zu haben, müssen Grenzen gesetzt werden.

Gibt es Zahlen zur Mediennutzung von Jugendlichen in Liechtenstein?
Ja, von der Liechtensteiner Schülerstudie aus dem Jahr 2015, bei der 15-jährige Jugendliche befragt wurden. Die meisten Jugendlichen gaben an, das Internet für circa zwei bis drei Stunden täglich zu nutzen. Nicht viel weniger – fast ein Drittel der Jugendlichen – gaben aber auch an, an einem typischen Tag während der Woche mehr als vier Stunden im Internet zu sein. Interessant ist, dass es bezüglich dem Inhalt der Mediennutzung einen geschlechtsspezifischen Unterschied gibt. Jungen verbringen mehr Zeit bei Online-Spielen, während Mädchen ihre Zeit eher auf Social-Media-Plattformen verbringen.

Was können Eltern konkret tun, damit ihre Kinder sicher im Internet unterwegs sind?
Im Internet gibt es nebst sehr vielen spannenden und nützlichen Inhalten auch solche, die für Kinder nicht geeignet sind. Daher sollte eine Kindersicherung auf dem PC, Smartphone und Tablet installiert werden. Ganz zentral finde ich, das Kind bei der Mediennutzung zu begleiten und mit ihm im Gespräch zu bleiben. Gewisse Themen empfiehlt es sich, gezielt zu thematisieren. Zum Beispiel, dass man persönliche Daten nicht preisgeben sollte oder dass im Internet nicht alles der Wahrheit entsprechen muss. So kann sich jemand als vermeintliche 9-Jährige ausgeben und tatsächlich sitzt aber ein 40-Jähriger Mann vor dem PC.

Mit Jugendlichen über ihre Online-Aktivitäten zu sprechen, ist wahrscheinlich schwieriger als mit Kindern?
Ja, denn den Jugendlichen ist es wichtig, selbst über ihre Online-Aktivitäten zu bestimmen und sie möchten auf dem Weg zum Erwachsenwerden ihre Pri­vats­phäre zunehmend wahren. Die Eltern jedoch haben weiterhin eine Erziehungsverantwortung. Deshalb empfehle ich den Eltern, im Dialog zu bleiben, nachzufragen und allenfalls Grenzen zu setzen. Eltern sollen sich von ihren Jugendlichen erklären lassen, was deren momentane Favoriten im Netz sind und welche Plattformen genutzt werden. Auch Spiele können von den Eltern angetestet werden. Jugendliche sind in gewissen Bereichen im Netz echte Experten und erzählen in der Regel gerne von dem, was sie am Online-Spiel oder einer Social Media Plattform fasziniert. Ich empfehle, in der Familie gemeinsam Regeln zur Mediennutzung festzulegen und auch medienfreie Zeitfenster einzuplanen, welche für alle Familienmitglieder gelten.

Eine Abschlussfrage: Sich im Internet zu schützen, bedeutet auch seine Daten zu schützen. Wie sieht ein sicheres Passwort aus?
Es sollte kein richtiges Wort wie «Hallo» sein, sondern ein Passwort mit Klein- und Grossbuchstaben, Sonderzeichen und Zahlen. Die Suchmaschinen haben es zudem schwerer, wenn ein Passwort mit einem Sonderzeichen beginnt; z. B. mit «/». Ein Fehler ist es, für alles das gleiche Passwort zu verwenden. E-Mail-Accounts werden ja häufiger geknackt. Es wäre also sehr schlecht, für das Internet-Banking dasselbe Passwort zu verwenden.


3 Google-Tipps zum Safer Internet Day:

1. Für jeden Account ein eigenes Passwort nutzen. Zumindest das Passwort für das E-Mail-Account sollte absolut sicher sein. Warum? Bei vielen Diensten kann man das Passwort zurücksetzen. Wenn sich jemand unerlaubt Zugang zum E-Mail-Konto verschafft, kann derjenige sich auch problemlos den Zugang zu vielen deiner anderen Konten verschaffen.

2. Die zweistufige Anmeldung (Zwei-Faktor-Authentifizierung) aktivieren: Heutzutage muss man meistens seine Handy-Nummer angeben. Möchte man sich dann einloggen, kommt man erst in das Konto rein, wenn man einen Code eingegeben hat, den man per SMS zugeschickt bekommt.

3. Einen Passwortmanager benutzen: Empfehlenswert seien Last Pass, 1Password und – für ambitioniertere User – das Open-Source-Programm Keepass.

 

Der Safer Internet Day wurde auch in Liechtenstein begangen. Die Fachgruppe Medienkompetenz ermöglichte einer Primarschule eine kostenlose Aufführung der Medienpräventionsperformance «angek(l)ickt Kids». Zudem lud das Jugendinformationszentrum «Aha» die Jugendschützerin Jennifer Rheinberger vom Amt für Soziale Dienste ein, Fragen von Jugendlichen rund um das sichere Surfen im Internet zu beantworten.

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