Das kostenlose Onlineportal Youtube wurde 2005 gegründet. Bild: iStock
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Social Media Mehr als 3,5 Mio. Aufrufe hat ein Video auf Youtube zu verzeichnen, welches das Ende dieser Videoplattform in Europa für nächstes Jahr vorhersagt. Schuld daran seien die EU-Urheberrechtsrichtlinien, die ab Mai 2019 in Kraft treten sollen.

Youtube-Chefin Susan Wojcicki kündigte in einem Brief an alle grossen Youtuber an, dass die Videoplattform nächstes Jahr sämtliche europäische Kanäle löschen werde, sollte Anfang 2019 der verhängnisvolle Artikel 13 der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung ratifiziert werden. Auf Youtube wäre dann nur noch Video-Content verifizierter Unternehmen zu sehen. Inhalte von «Broadcast yourself» gäbe es dann keine mehr. Unter den Youtubern herrscht derzeit berechtigte Panik- und Weltuntergangsstimmung. Selbst Youtube eröffnete eine eigene Seite mit dem Titel «Save your Internet», deren gleichnamiger Hashtag aktuell durch alle digitalen Blutbahnen strömt. Der Kampfgeist der Internetgemeinschaft erschöpft sich bislang leider im Erstellen empörter Videos und im Teilen von Hashtags.

Nachdem diese Nachricht angekommen war, ging erst einmal eine Schockwelle durch die Youtube-Community. Wäre das Ganze nicht so ernst, hätte man beinahe lachen können. «Arbeitsplätze gehen verloren», klagen die einen. Was denn nur los sei, dass man sich nun auf einmal mit Politik auseinandersetzen müsse, jammern die anderen. Die Nadel der grausamen politischen Realität nähert sich scheinbar unaufhaltsam der unpolitischen Filterblase der Youtuber.

Hätte diese Tatsache vielleicht einen positiven Nebeneffekt, wenn ein gewisser Teil der Youtuber nun auf einmal gezwungen wären, einem vernünftigen Beruf nachzugehen, der am Ende sogar der Gesellschaft zugutekommt? In den letzten Jahren hat sich nämlich ein Sumpf aus jungen Menschen gebildet, die schlicht aufgrund des Ablieferns einer mit Product-Placement bestückten Dokumentation ihres belang- und geistlosen Lebensstils wie die Made im Speck leben. Natürlich trifft das nicht auf das gesamte Unterhaltungs- und Wissensangebot von Youtube zu.

Aber hier geht es um weit mehr als um eine verschwenderische und im Vergleich zu essenziellen Branchen unfair bezahlten «Berufssparte», die wegbrechen könnte. Pro Minute werden 400 Stunden Videomaterial produziert – Stand 2015 – und auf Youtube hochgeladen. Darunter findet sich sehr viel Redundantes, aber auch eine unglaubliche Fülle an Wissen und Daten. Youtube ist eine der letzten Bastionen der freien, alternativen Medien. Wenn Youtube in Europa nur noch Content von ausgewählten Unternehmen liefert, ja was erwartet dann die User? Prank-Videos auf dem Traumschiff? Schminktipps von Rosamunde Pilcher? Ein interaktives «Wetten, dass?»? Viele der Youtuber können mit dieser Vorstellung nur schlecht umgehen. Denn für sie gibt es ja nur den einen Youtube-Kanal, bei dem sie aktiv mitmachen und Content verbreiten können. Es würde auf die Tatsache hinauslaufen, dass die User genau das konsumieren, was man schon am Fernsehen erlebt. Nämlich Content, der nicht selbst produziert werden kann, der von anderen gemacht wird und die User schlicht auf die Funktion des Konsumenten reduziert. Einige von Youtube abhängige Portale könnten dann ihre Pforten schliessen oder müssten sich wieder darauf besinnen, lediglich Audio-Podcasts mit ihren Gästen zu produzieren und diese dann auf dem Internetauftritt oder auf der App hochzuladen.

Aber auch zahlreiche Tutorials, Live-Radios und POV-Eisenbahnvideos zum Meditieren würden damit das digitale Zeitliche segnen. Ja, eine ganze Kultur würde mit einem Male sterben. Der Tod von Millionen Avataren darf als Digital-Genozid bezeichnet werden. (pd)

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