WERBUNG

Von Daniel Bargetze

Stimme 1: «Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?»
Stimme 2: »Hi, ich rufe an, um für eine Kundin einen Damenhaarschnitt zu buchen …» Stimme 2: «… ähm, am besten wär’s am 3. Mai.»
Stimme 1: «Klar, eine Sekunde bitte.»
Stimme 2: «Mm-Hmm.»
Stimme 1: «Gut. Um welche Uhrzeit würde es denn passen?»
Stimme 2: «Um 12 Uhr.»
Stimme 1: «Um 12 Uhr ist nichts mehr frei. Die nächste Möglichkeit wäre 13:15 Uhr.» Stimme 2: »Haben Sie vielleicht etwas zwischen 10 und 12 Uhr?»
Stimme 1: «Kommt darauf an, was gemacht werden soll. Was will sie denn gemacht haben?»
Stimme 2: «Fürs Erste nur einen Damenhaarschnitt.»
Stimme 1: «Okay, das können wir um 10 Uhr machen.»
Stimme 2: »10 Uhr passt prima.»
Stimme 1: «Okay, wie lautet ihr Vorname?»
Stimme 2: «Der Vorname ist Lisa.»
Stimme 1: «Okay, perfekt. Dann sehen wir Lisa am 3. Mai um 10 Uhr.»
Stimme 2: «Okay. Super. Danke.»
Stimme 1: «Prima. Einen schönen Tag noch. Tschüss.»

Dieser alltägliche Dialog fand zwischen einem Menschen und einer Maschine statt. Welche Stimme dem Menschen gehört? Auflösung folgt. Eigentlich ist es unerheblich: Die Kommunikation hat ohne Probleme funktioniert, eine künstliche Intelligenz (KI) hat dem Menschen Arbeit abgenommen. Die KI heisst Google Duplex und wurde vergangene Woche an einer Entwicklerkonferenz vorgestellt – das Publikum staunte.

Wettlauf USA–China

Alle Tech-Giganten setzen sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinander: Gemäss US-Forscher Pedro Domingos ist Google mit zahlreichen Abteilungen und Initiativen wie DeepMind und Google Brain führend. Auf Platz zwei folgt Mi­cro­soft, da­hin­ter folgen Face­book und Ama­zon. Domingos ist der Verfasser des 2015 erschienenen Buches «The Master Algorithm», mittlerweile ein Standardwerk über die Technik der Künstlichen Intelligenz (leider noch nicht auf Deutsch erhältlich). Auch die Chinesischen Digital-Riesen wie Alibaba, Tencent (Mutterkonzern des Messaging-Dienstes WeChat) und die Suchmaschine Baidu setzen sehr viele Ressourcen für die Erforschung und Anwendung Künstlicher Intelligenz ein. Toutiao ist ein chinesisches Nachrichtenunternehmen, das mit 20 Mia. Dollar bewertet wird. Die Inhalte werden mit künstlicher Intelligenz hergestellt und verbreitet. Beobachter sehen bereits einen «technischen Kalten Krieg» zwischen den USA und China kommen. Die chinesische Führung hat letztes Jahr angekündigt, dass das Thema Künstliche Intelligenz eine hohe Priorität für sie hat. Ein KI-Plan wurde auf den Weg gebracht. Ziel: China bis zum Jahr 2030 zur technologisch führenden Nation zu machen.

Wo bleibt Europa?

Auf dem alten Kontinent hat es kein grosses Tech-Unternehmen, das durch KI auf sich aufmerksam macht, jedoch hervorragende KI-Experten. Jürg Schmidhuber ist einer davon. Er ist wissenschaftlicher Direktor bei IDSIA, einem Schweizer Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz, und forscht seit Längerem an neuronalen Netzen und Deep Learning, jene Technologien, die die KI-Ergebnisse in den letzten Jahren massiv verbesserten. Mit seiner Firma Nnaisense (nnaisense.com) will er eine allgemein nutzbare Künstliche Intelligenz schaffen. Das hat die Kölner Firma DeepL bereits getan: Ihr Übersetzungsservice deepl.com soll angeblich bessere Ergebnisse als Google Translate liefern.

Kein Mensch versteht es

Nun gibt es viele düstere Szenarien, wohin diese Entwicklung führen wird, und Jobverluste zählen dabei zu den harmloseren. Heute schon beängstigend ist die Tatsache, dass die KI-Entwickler irgendwann selbst nicht mehr verstehen, wie ihr Produkt funktioniert, weil neuronale Netze eben in der Lage sind, selbst­ständig zu lernen – das ist «Machine Learning». Eines der krassesten Beispiele hierzu widerfuhr Facebook im vergangenen Jahr. Deren AI-Entwickler liessen zwei Künstliche Intelligenzen miteinander sprechen, die Chatbots Bob und Alice. In kürzester Zeit entwickelten die Bots ihre eigene Sprache, die für Menschen nicht mehr verständlich war (siehe Bild). Den Entwicklern blieb nur noch eines: den Stecker ziehen. Das erinnert unweigerlich an den Film Terminator: Darin wollten die Menschen der zentralen künstlichen Intelligenz Skynet auch den Stecker ziehen – doch die wehrte sich und das Unglück nahm seinen Lauf. Mindestens bis 2045 dürfte es noch nicht so weit kommen, sagt Ray Kurzweil, einer der führenden KI-Forscher bei Google. Dann, vermutet er, setze die «Singularity» ein. Das ist für viele KI-Experten der Zeitpunkt, ab welchem sich Maschinen mit­hilfe künstlicher Intelligenz selbstständig weiterentwickeln und verbessern können. Doch wieder zurück in die Gegenwart: Im Eingangsdialog war Stimme 2 die Maschine – richtig getippt?

WERBUNG

Kommentieren Sie den Artikel

Geben Sie hier bitte Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein