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Viele Facebook-Nutzer sind empört über den Missbrauch ihrer Daten. Trotzdem lösen sich nur wenige vom sozialen Netzwerk Zuckerbergs. Das hat vor allem zwei Gründe.

Jonas Manser

Millionen Nutzer des sozialen Netzwerkes Facebook sind aufgebracht: Ihre persönlichen Daten wurden ohne ihre Zustimmung von «Cambridge Analytica» ­verwendet. Trotzdem hatte der Datenskandal nur geringe Auswirkungen auf die Benutzer­zahlen. Eigentlich möchte niemand seine persönlichen Daten verbreitet haben. In der Anhörung vor dem US-Senat bezüglich des Datenskandals sagte auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg, dass er seine Privatsphäre ­schätzt – anscheinend mehr als die Nutzer seines sozialen Netzwerkes. Mittlerweile ist klar, dass die Gratisnutzung von Social-Media-Dienstleistungen nicht wirklich gratis ist. Plattformen verkaufen die Daten ihrer Nutzer an Dritte: an Firmen, die mit Hilfe der Informationen gezielter Werbung machen können, an Software-Entwickler, die Daten in ihre Programme einspeisen, oder an Forschungsinstitute, die damit Forschung betreiben. Das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica hatte jedoch durch ein Datenleck private Daten von Millionen von US-amerikanischen Facebook-Nutzern gesammelt. Und obwohl Facebook schon seit längerem davon wusste, informierte das Unternehmen seine Nutzer nicht.

Integraler Teil des Lebens

Im vergangenen Jahr sagte Mark Zuckerberg: Facebook habe zwei Billionen Nutzer, welche mindestens einmal im Monat die Webseite besuchten. In der Schweiz sind es rund 3,8 Millionen Nutzer gemäss einer Erhebung von Blog «Bernetblog» in Zusammenarbeit mit «Equipe.agency». Facebook ist für 45 Prozent der Gesamtbevölkerung ein integraler Teil des Lebens geworden. Neben den Vorteilen, die das Netzwerk mit sich bringt, hat es jedoch auch seine Schattenseiten, wie eine Studie der Universität Kopenhagen zeigt. Im Jahr 2015 wurde ein Versuch mit 1095 Personen durchgeführt, die angaben, dass sie täglich einen Blick auf die Webseite werfen. Für das Experiment durfte die Hälfte der Teilnehmenden während einer Woche kein Facebook benutzen. Die Ergebnisse: Personen von der Non-Facebook-Gruppe fühlten sich bereits nach einer Woche ­Social-Media-Entzug um einiges glücklicher, waren zufriedener mit ihrem Sozialleben oder fühlten sich weniger gestresst. Doch wie bringt uns Facebook dazu, die Plattform trotzdem zu nutzen? Zwei Aspekte spielen dabei wohl eine entscheidende Rolle: «FOMO» und der Netzwerkeffekt. FOMO steht für «Fear Of Missing Out»: Die Angst, etwas zu verpassen. Es ­beschreibt das gesellschaftliche Phänomen, Angst zu haben, nicht mehr auf dem neusten Stand der Dinge zu sein, Gruppenzugehörigkeit zu verlieren oder für das «Überleben» notwendige Informationen zu verpassen. Ein beklemmendes Gefühl, das bereits früher existierte, aber zusehends von der modernen Technologie und den sozialen Netzwerken verstärkt wird. Dies ist jedoch nicht der alleinstehende Grund, wieso wir so schnell nicht von Facebook loskommen. Obschon es an Alternativen nicht mangelt, werden diese nicht genutzt. Hier kommt der Netzwerkeffekt ins Spiel. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert ihn als «Effekt, bei dem der Nutzen eines Gutes mit steigender Nutzerzahl in der Regel zunimmt». Als Beispiel: Ein einziges Telefon hat einen geringen Nutzen. Bei zwei Telefonen kann man bereits jemanden anrufen. Je mehr Telefonapparate beziehungsweise mögliche Verbindungen existieren, desto grösser der Nutzen. Soziale Netzwerke wie Facebook basieren auf dem gleichen Prinzip, skalieren jedoch beinahe exponentiell. Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter Hal Varian schreibt im Buch «Grundzüge der Mikroökonomie», dass der Netzwerkeffekt entsteht, wenn die Zahlungsbereitschaft einer Person von der Zahl der Nutzer dieses Produktes abhängt. Im Falle Facebook wäre dies das Einverständnis, seine persönlichen Daten für den Weitergebrauch zur Verfügung zu stellen. Dies bedeutet, dass die Nachfrage einer Person von der Nachfrage anderer Personen abhängig ist: «Ich benutze Facebook wegen meiner Freunde, nicht meinetwegen.»

Immer mehr Funktionen

Die Kombination von «FOMO» und Netzwerkeffekt erlaubt es Facebook, weiterhin Geld mit den Daten der User zu verdienen. Um ein Abwandern bestmöglich zu verhindern, wird Facebook ständig um zusätzliche Funktionen erweitert, zum Beispiel Chat oder Videofunktionen. Ihre Devise: Solange eine davon genutzt wird, registrieren sie sich und kehren immer wieder zurück. Auch wenn eine alternative Plattform mit den gleichen oder sogar besseren Funktionalitäten wie Facebook ausgestattet wäre, aber nur über wenig Benutzer verfügte, hat sie für den User wenig Nutzen. Der Netzwerk­effekt «zwingt» uns, weiterhin bei Facebook zu bleiben. Die mögliche Erlösung: Alle Nutzer entscheiden sich, beinahe zeitgleich ihre Accounts zu löschen. Oder genügend Leute migrieren auf eine andere Plattform und lösen den Netzwerkeffekt anderorts aus. Doch es scheint, dass sogar Skandale wie «Cambridge Analytica» nicht ausreichen, um die User von Facebook zu vertreiben.

 

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