Vereinspräsident Patrik Marxer (rechts) freut sich mit dem Team von Cyber Security Liechtenstein auf die EM in Malaga. Bild: Stefan Trefzer
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WächterDie digitale Gesellschaft lechzt nach Schutz. Hacker können helfen, ihn zu gewährleisten. Der Verein Cyber Security Liechtenstein versucht, auch hierzulande gutes Personal auszubilden. Morgen können sich die Talente an der Hacker-EM bewähren.

Oliver Beck

Das physisch Greifbare, uns unmittelbar Umgebende ist längst nicht mehr die einzige Welt, in der wir uns bewegen. Parallel dazu hat sich eine zweite, digitale Realität etabliert. Und mit ihr digitale Identitäten und Besitztümer, die wir – in Analogie zum «echten Leben» – vor Übergriffen schützen müssen, denn natürlich geht auch die Kriminalität mit der Zeit. In der digitalen Welt, dort, wo alles und jeder mit allem und jedem vernetzt ist, sei sie sogar noch ausgeprägter, sagt Patrik Marxer, Präsident des 2016 gegründeten Vereins Cyber Security Liechtenstein.

Kein Wunder also, gehört die Frage nach der Sicherheit heute zu den drängendsten, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung und Technisierung unserer Gesellschaft stellen. Und die Dringlichkeit dürfte sich noch weiter verstärken, weil der Handlungsdruck für Private wie Unternehmen so gross ist, mit dem Fortschritt Schritt zu halten. «Die Digitalisierung krempelt unser Leben um. Wer sich nicht mit ihr auseinandersetzt, der ist irgendwann nicht mehr am Ball», ist Marxer überzeugt.

Erinnerungen an die Tage seines Lehrlingsdaseins haben für den heute 35-Jährigen beinahe etwas Surreales. Noch in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre, zu seiner Lehrlingszeit, herrschte die totale digitale Unschuld. Sicherheit war nicht einmal in Ansätzen ein Thema. «Wir waren doch nur schon froh, wenn wir eine Verbindung zum Internet herstellen konnten», meint Marxer und lacht herzhaft. Heute dagegen beschäftigen Firmen wie Swisscom oder Google ihre eigenen Hacker, um Security-Lücken in ihren Systemen zu identifizieren.

Weisser Hut, schwarzer Hut

Dieser Ansatz ist durchaus bemerkenswert. Immerhin gelangen dabei Instrumente zum Einsatz, derer sich die Kriminellen selbst gerne bedienen. Der Unterschied liegt einzig im Handlungsmotiv. «Der Hacker deckt die Schwachstelle hier nicht auf, um Illegales zu tun, sondern um den Schutz des Unternehmens zu gewährleisten», so Marxer. Oder plakativer: Er trage einen weissen statt eines schwarzen Huts.

Gänzlich etabliert hat sich eine solche positive Besetzung des Hacker-Begriffs noch nicht. «Dem Wort haftet vielerorts nach wie vor etwas Negatives an», weiss Marxer. Mit dem Verein Cyber Security Liechtenstein erhöht er die Chance, dass hierzulande eine differenziertere Wahrnehmung die Oberhand gewinnt. «Wir bilden Hacker mit weissem Hut aus», erklärt er ganz selbstverständlich.

In der Praxis bedeutet das, dass junge Menschen mit einer Affinität für die Materie gezielt gefördert werden, indem sie sich regelmässig mit Gleichgesinnten treffen und mit vereinten Kräften Aufgaben lösen, die von Hacker-Lernplattformen speziell zu Übungszwecken entwickelt und vermarktet werden. Im Zuge solcher «Challenges» lernen die jungen Hacker beide Seiten kennen: Angriff wie Verteidigung. Und das stets auf spielerische Weise, so Marxer. «Es ist wie Knobeln.»

Ein Netzwerk für die Zukunft knüpfen

Hinter der unbeschwerten Annäherung steckt freilich das Ziel, irgendwann auch für den Ernstfall gerüstet zu sein und sich mit den erworbenen Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. «Die Talente sollen zu einem späteren Zeitpunkt als Sicherheitsexperten einen Platz in unserer Wirtschaft finden», sagt der Vereinspräsident. Anstelle einer Arbeitskraft von weiter weg, notabene: «Wir finden es wichtig, dass wir hier in der Region qualitativ gute Leute haben.»

Um einen Schritt dorthin zu machen, hat sich der hiesige Hacker-Nachwuchs dieser Tage auf Reisen begeben. Seit Wochenbeginn weilt ein zehnköpfiges Team im spanischen Malaga, um Liechtenstein morgen, Mittwoch, an der 2. Europameisterschaft der Hacker zu vertreten. Die Teilnahme an einem solchen Anlass kann für die jeweils fünf Talente zwischen 14 und 20 Jahren respektive zwischen 21 und 25 Jahren ungemein viel Profit abwerfen, ist sich Marxer sicher: «Erstens können sie über den internationalen Vergleich sehen, wo sie sich weiterentwickeln müssen. Und zweitens haben sie die Chance, sich ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie später, wenn sie in einem konkreten Fall Hilfe benötigen, zurückgreifen können.»

Das Abschneiden im Wettkampf ist dagegen vernachlässigbar. Die Atmosphäre, erinnert sich Marxer noch lebhaft an die EM-Premiere 2016 in Düsseldorf, spiegle das deutlich wider. «Der Konkurrenzkampf ist nicht sehr ausgeprägt. Vielmehr unterstützen sich die Teams sogar gegenseitig beim Lösen der Aufgaben.»

In Malaga sind dies drei an der Zahl. Zunächst sind die Teams aufgefordert, ein konkretes Problem zu lösen, etwa einen Code zu dechiffrieren. Anschliessend gilt es, einen Service – beispielsweise eine Website – zu erstellen und diesen gegen Angriffe von anderen Teams zu verteidigen. Parallel dazu sollen die Services der Gegner gehackt werden. Schliesslich muss jedes Team ein Referat in englischer Sprache halten, in dem einer grossen Zuhörerschaft das eigene Vorgehen in den vorangegangenen Aufgaben erklärt wird. «Dabei geht es weniger um den genauen Lösungsweg als darum, zu zeigen, dass man das Problem verstanden hat», so Marxer.

Wettkampf mitsamt Messe

Insgesamt 22  000 Besucher werden gemäss Organisator an der European Cyber Security Challenge 2017 erwartet. Neben den Wettkämpfen dürfte viele von ihnen auch die parallel stattfindende Sicherheitsmesse locken, an der zahlreiche namhafte Unternehmen präsent sind, Vorträge gehalten und Fachkräfte direkt an Ort und Stelle angeworben werden. Das Bedürfnis nach digitaler Sicherheit ist gross, und ebenso das Geschäftsfeld, das sich dadurch eröffnet. Hacker, das zeigt die blosse Existenz des Anlasses, dürften darin eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Sofern sie denn einen weissen Hut tragen.

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