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Pascal Signer ist Leiter Informatik und eSport beim FC St. Gallen 1879. Signer sieht eine rosige Zukunft für den elektronischen Sport.

Wie sind Sie im eSport gelandet und was sind Ihre Aufgaben als Leiter eSport beim FC St. Gallen?

Pascal Signer: Ich bin beim FC St. Gallen als Leiter Informatik angestellt gewesen. Wir haben dann vor eineinhalb Jahren begonnen, uns mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen – wie wir uns in Zukunft präsentieren und mit den digitalen Medien umgehen wollen. An verschiedenen Veranstaltungen und von Experten wurden wir immer wieder auf das Thema eSport aufmerksam gemacht. Nach einer genaueren Analyse war es für uns dann klar, dass wir in diesen Markt einsteigen wollen. Ich war zunächst Projektleiter, der das ganze Team zusammengestellt und den Einstieg in den eSport zusammen mit unserem CEO Pascal Kesseli koordiniert hat. Ich bin selbst Game-affin; wie die eSportler ticken und die ganze Szene musste ich aber selbst erst kennenlernen. Beim Einstieg hat uns eine Agentur beraten. Für uns war aber klar, dass wir dieses Projekt vollumfänglich als Verein betreiben wollen. Am Anfang ging es für mich um den Aufbau des Ganzen, jetzt sind meine Hauptaufgaben im eSport-Bereich die Teamkoordination sowie die strategische Entwicklung.

Wo liegen die Ursprünge des eSports?

Die genaue Geschichte kann ich nicht erzählen, denn in anderen Games wie «League of Legends» oder «CounterStrike» gibt es das ja schon seit Jahren. Dort ist die Szene bereits viel grösser. Im Fussball mit «FIFA» begann das Ganze, als «Electronic Arts» diese ganzen neuen Modi in das Spiel integriert hat. Mittlerweile steigen immer mehr Fussballvereine ein.

Wo steht der eSport heute, gemessen an der Anerkennung?

Man merkt, dass der eSport noch ein frisches Thema ist. Nicht in jeder Zielgruppe wird er gleich stark anerkannt. Die Jungen zwischen 10 und 25 Jahren sind damit aufgewachsen. Je älter die Leute sind, desto distanzierter sind sie gegenüber dem Ganzen und Fragen sich vielleicht eher, was das eigentlich ist. Die Aufgabe des FC St. Gallen ist es da auch, die Botschaft zu verbreiten und allen Zielgruppen aufzuzeigen, was eigentlich gemacht wird. Ich vergleiche das «FIFA» auf der Playstation 4 mit dem, was für die älteren Generationen früher das Schachbrett war. Man duelliert sich halt in der virtuellen Welt.

Wo sehen Sie den eSport in ein paar Jahren?

Es gibt Studien die sagen, dass der eSport in den nächsten Jahren den grösseren Zuwachs haben wird als der gewöhnliche Fussball. Es wird in den nächsten Jahren, wenn sich die Ligen mit virtuellen Ligen und die UEFA mit einer virtuellen Champions League auseinandersetzt, einen extremen Schub geben. In Asien werden, zwar in anderen Spielreihen, jetzt schon ganze Arenen gefüllt. Es ist schwer zu sagen, ob der eSport dem Fussball den Rang abläuft, aber es könnte eine grosse Sportart werden. Ich glaube aber nicht, dass es den normalen Fussball dadurch nicht mehr geben wird.

«Diese neue Generation schaut den eSport so, wie wir Champions League schauen» – Pascal signer

Was macht den eSport für den Zuschauer attraktiv? Warum spielt man nicht lieber selbst?

Für die jungen FIFA-Spieler bietet der Livestream auf Plattformen wie «Twitch» die Möglichkeit, mit den Profis zu interagieren, ihnen Fragen zu stellen und von ihnen zu lernen. Zum einen interessiert das Spiel, zum anderen will man seinen Vorbildern zusehen. Das ist im normalen Sport nicht anders. Diese neue Generation schaut den eSport so, wie wir Champions League schauen.

Wie finanziert sich der eSport?

Ich kann nicht beurteilen, wie das bei anderen läuft. Bei uns war das Investment sehr überschaubar. Für den FC St. Gallen lässt sich über den eSport jedoch eine neue, interessante Zielgruppe erschliessen. Das ist auch eine kaufkräftige Zielgruppe. Zudem können wir eine neue Sponsoren-Pyramide aufbauen und attraktiv für Sponsoren werden, die lieber auf digitalen Plattformen als im Fussballstation präsent wären. Das ist für den FC St. Gallen wie ein neues kleines Standbein. Man wird so auch international präsent. Die Turnier-Preisgelder kommen oft von Sponsoren oder Organisatoren. Auch die Fifa hat für Weltmeisterschaften bereits 200 000 Franken Preisgeld zur Verfügung gestellt.

Wie kann Betrug ausgeschlossen werden?

Bei Offline-Turnieren ist das relativ klar, mit Schiedsrichtern und klar definierten Regeln. Online ist das genau die Frage, die man sich stellt. Das Ganze läuft über die Modi des «FIFA»-Spiels und wird dort überwacht. Proaktiv werden auch Accounts gesperrt.

Vor Kurzem gab es den ersten Fifa-Transfer. Wie wird sich das in Zukunft entwickeln?

Ich glaube nicht, dass es ein Transfer war. Der Vertrag bei Schalke wurde meines Wissens nicht verlängert. Momentan schätze ich den Markt noch nicht so ein, dass es viele Transfers geben wird. Denn es gibt zu viele gute «Free Agents», sprich, zu viele Spieler ohne Verein auf dem Markt. Durch Training kann man relativ schnell besser werden, wodurch es derzeit eigentlich noch ein Überangebot gibt. Sobald die ganzen Ligen lanciert werden und immer mehr Vereine in die Branche einsteigen, werden auch die Transfers folgen.

Wie funktioniert das Scouting?

Auf unsere Spieler sind wir von einer Agentur aufmerksam gemacht worden. Unser Trainer Thomas Temperli ist an verschiedenen Turnieren und nennt mir immer wieder Namen von Spielern, die an vielen Turnieren mitspielen und diese auch gewinnen. Ich selbst bin auch ab und zu vor Ort. Ich schaue mir nicht die Game-Skills an, denn das kann der Trainer besser. Ich schaue, wie sie körperlich beienander sind, wie ihr Auftritt ist, ob sie beim Spielen fluchen und wie das ganze Sozialverhalten ist. Die mentale Stärke ist natürlich auch ein Thema. Ich schaue daher, ob ein Spieler im Finale eher nervös ist oder locker bleibt. Gesamthaft wird ein eSportler bei uns nach drei Säulen beurteilt: Erstens die«Game-Skills», also wie gut spielt er. Zweitens das Social-Media-Verhalten, wie sich der Spieler gibt und wie aktiv er ist, und drittens sein Sozialverhalten. Sprich, ist er ein guter Botschafter für den FC St. Gallen 1879.

Wie ist der FC St. Gallen als traditioneller Verein auf die Idee gekommen, in den eSport einzusteigen?

Wir sind der älteste Fussballverein in Kontinentaleuropa. Für uns war der Charme reizvoll, dass wir auch hier wieder eine Vorreiterrolle übernehmen konnten. Schweizweit sind neben uns mittlerweile der FC Basel, Lausanne und Servette aktiv dabei. Auch in Luzern ist man dran. Ich weiss allerdings nicht, wie weit man da bereits ist.

Coach Thomas Temperli schaut seinen Schützlingen über die Schulter.

Wie funktioniert bei Ihnen im eSport Team die Zusammenarbeit?

Unser Team setzt sich aus mir, dem Trainer, Teammanager und unseren beiden Spielern zusammen. Das sind aber alles Freelancer, die nebenbei noch normal arbeiten. Der Trainer arbeitet auf verschiedene Weise mit den Spielern zusammen. Vielfach spielt der Trainer gegen die Spieler. Es gibt da verschiedene Trainingsformen, wo der Spieler beispielsweise nur angreift oder nur verteidigt. Dann gibt es natürlich auch Videoanalysen von aufgezeichneten Spielen. Mentaltraining gibt es zusätzlich auch und der Trainer schaut zudem darauf, dass sich die Spieler körperlich fit halten. Das ist uns sehr wichtig. Neben den 100-Prozent-Jobs trainieren die Spieler pro Woche 20 bis 30 Stunden für den eSport. Nicht alles findet im Haus statt. Vieles findet von zu Hause aus, online via Skype oder Streams statt.

Wie schauen Ihre Pläne als Verein aus? Soll das Team vergrössert werden oder in andere Games eingestiegen werden?

Das Team zu vergrössern ist momentan keine Option, denn wir sind glücklich mit unseren Jungs. Es kann sein, dass irgendwann ein Spieler dazukommt. Wir werden das Projekt sicher weiterentwickeln. Andere Spiele als «FIFA» sind für uns derzeit auch kein Thema. Wir haben uns bewusst für das Fussballspiel entschieden, um auch den Link zwischen dem Verein FC St. Gallen und dem eSport herzustellen.

Was für Voraussetzungen muss ein eSportler mitbringen?

Neben den angesprochenen drei Säulen ist sicher etwas Talent nötig, um auf hohem Niveau spielen zu können. Ansonsten kommen der Fleiss und die Disziplin entscheidend dazu, um dann wirklich auch gut zu werden.

Wie sieht der Alltag eines Profi-eSportler aus?

Unsere eSportler sind normal 100 Prozent tätig. Am Abend wird dann, wie für einen normalen Sport, zwei bis drei Stunden trainiert. In anderen Games gibt es auch Vollprofis, die in Gaming-Häusern leben, betreut werden und fast immer trainieren können.

Kann man sich auch einmal eine Auszeit gönnen?

Die Spieler können das eigentlich selbst entscheiden. Sie haben gewisse Vorgaben von uns, an die sie sich halten müssen. Gerade bei unserem Spieler Sandro Poschinger ist es uns aber enorm wichtig, dass er sich Zeit für die Schule nimmt. Wir wollen, dass er seine KV-Lehre erfolgreich abschliesst. Wenn er also mal eine Woche lang Prüfungen haben sollte, kann er den eSport für diese Zeit auch einmal auf die Seite legen.

Kann man vom eSport leben?

Es gibt eSportler, zum Beispiel bei Leipzig oder Paris Saint Germain, die mit 100-Prozent-Stellen davon leben können. Der FC Basel will mit seinen beiden Spielern auch in diese Richtung gehen. Sie haben kommuniziert, dass dies Vollzeitstellen werden. Die Spieler haben teilweise aber auch private Sponsoren oder gewinnen Preisgelder an den Turnieren.

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