Philipp Mittelberger, Datenschutzbeauftragter der Datenschutzstelle Liechtenstein.
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Gratwanderung Digitale Assistenten sollen uns den Alltag erleichtern. Doch neben allen Annehmlichkeiten sind mit der Aufgabendelegation an die Technik auch Gefahren verbunden, wie das Gespräch mit dem Liechtensteiner Datenschutzbeauftragten Philipp Mittelberger zeigt.

VON OLIVER BECK

Was verstehen wir überhaupt unter digitalen Assistenten?

Philipp Mittelberger: Digitale Assistenten sind dazu da, uns zu unterstützen. Dazu gehören zum Beispiel das Navigationsgerät im Auto, allgemein Suchmaschinen im Internet oder Produkte wie Siri oder Cortana (Softwareprodukte für Smartphones, die Sprachbefehle empfangen und verarbeiten, Anm. d. Red.).

Weshalb greift der Mensch auf die Hilfe solcher Assistenten zurück? Ist das durchschnittliche Leben so komplex geworden, dass wir es nicht mehr alleine bewältigen können?

Digitale Assistenten sind vor allem «praktisch». Sie erleichtern uns den Alltag, sie unterstützen uns. Das Leben ist komplexer geworden, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Ich glaube aber nicht, dass wir ohne sie nicht auskommen würden.

Steckt hinter der Delegation von Aufgaben an technische Einrichtungen ein Stück weit auch Bequemlichkeit?

Es kommt dabei darauf an, ob man vom geschäftlichen oder privaten Bereich spricht. Geschäftlich geht es darum, Prozesse zu optimieren. Privat geht es vorwiegend um Bequemlichkeit, was aber keine negative Wertung sein soll.

Von vielen Seiten wird gewarnt, dass der Mensch im Zuge dieser Entwicklungen seine Selbstbestimmtheit verlieren könnte. Zu Recht? Sehen Sie Indizien, die solche Thesen stützen?

Nun, es sind mehr als Indizien. Wenn ich zum Beispiel auf Google etwas suche, gibt mir Google Suchtreffer. Diese Treffer sind mit meinen früheren Anfragen und meinem früheren Surfverhalten abgestimmt. Man wirft Google oft vor, die Interessen von Nutzern so zu lenken. Dadurch, dass frühere Anfragen berücksichtigt werden, bleibt man in einem gewissen Rahmen. In diesem Sinn wird der eigene Horizont nicht erweitert. Dasselbe gilt für Amazon, wenn man ein Produkt sucht. Meine Selbstbestimmtheit wird somit durch die vorgeschlagene Auswahl eingeschränkt oder gar gesteuert. Ähnliches gilt für andere Vorschläge, die ich aus dem Internet erhalte. So entsteht eine eigene Welt. Man sagt nicht ohne Grund «Was Google nicht kennt, gibt es nicht». Oder ein anderes Beispiel: Wenn man sich irgendwo nicht auskennt, vertraut man oft dem Navi oder der Wegbeschreibung auf dem Handy statt einer herkömmlichen Methode, sprich: dem eigenen Orientierungssinn.

Kann heute schon eine Abhängigkeit des Menschen von der Technik und ein partieller Verlust der Fähigkeit, eigenständig zu denken, konstatiert werden?

Der Mensch ist abhängig von der Technik, keine Frage. In Deutschland sind etwa 250 000 Personen internetsüchtig. Es sind auch Fälle bekannt, in denen fast panisch reagiert wurde, wenn zum Beispiel Facebook eine gewisse Zeit lang ausfiel. Diese Frage wird im bekannten Buch von Manfred Spitzer, einem renommierten Gehirnforscher, über die «digitale Demenz» diskutiert. Er vertritt die Meinung, dass das Hirn Fähigkeiten abbaut, wenn es nicht gebraucht wird. Auf das Navi angewendet heisst dies etwa, dass man die Fähigkeit verlieren wird, Karten zu lesen. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass unsere Art zu kommunizieren ärmer wird, da man sich zum Beispiel auf Whatsapp anders und viel kürzer ausdrückt als dies früher der Fall war.

Wie gross ist der Sensibilisierungsbedarf bei den Menschen hinsichtlich dieser Thematik?

Ich sehe den Sensibilisierungsbedarf als sehr hoch an. Wir sind alle von diesen Entwicklungen betroffen. Bequemlichkeit hat ganz klar ihre Vorteile. Die Nachteile werden aber nur wenig diskutiert. Datenschutz wird oft auch als «Recht der informationellen Selbstbestimmung» bezeichnet. Es geht darum, dass man selbst Entscheidungen treffen kann.

Stichwort Datenschutz: Wird der Mensch immer gläserner, je mehr Verantwortung er Maschinen überträgt?

Nicht unbedingt. Die Frage ist, wer Daten bekommt und wozu er sie nutzt. Nicht alle vermischen die Daten wie Google dies macht. Zum Glück. Es besteht aber eine Gefahr. Digitalisierung heisst auch, dass Daten einfacher verfügbar sind. Das kann durchaus einen Nachteil darstellen. Die «Big 5», also Google, Facebook, Microsoft, Apple und Amazon, arbeiten allesamt am Thema «digitale Assistenten». Die Idee dabei ist, vieles zu vermischen – was nicht im Interesse des Datenschutzes ist.

Was bedeutet «vermischen» in diesem Zusammenhang? Und worin liegen die konkreten Probleme, die daraus hinsichtlich des Datenschutzes erwachsen?

Vermischen heisst, dass die Zweckbindung aufgelöst wird. Daten dürfen nur für den ursprünglich vorgesehenen Zweck bearbeitet werden, der Nutzer ist darüber zu informieren. So wurde bei Kundenkarten ja oft darüber diskutiert, ob diese Daten zum Beispiel auch an Krankenkassen weitergegeben werden. Bei Google ist es bekannt, dass die Daten der zahlreichen Anwendungen wie der Suchmaschine, Youtube, Google Maps, Gmail, Google Plus und wie sie alle heissen in einem Topf gesammelt werden. So entstehen sehr genaue Persönlichkeitsprofile. Ähnlich ist es bei «Big Data»: Dort werden Daten aus allen möglichen Quellen auf dem Internet – wie staatliche Internetseiten, Unternehmensinformationen oder Daten, die man zum Beispiel auf Facebook selbst veröffentlicht – gesammelt und quasi in einen Topf geworfen. Dadurch erhält man ein viel vollständigeres Bild einer Person. Dieses Bild kann zu einer negativen Entscheidung führen. Ein Hauptproblem besteht darin, dass diese Person nicht weiss, worauf sich eine solche Entscheidung stützt. Man ist dem System quasi ausgeliefert.

Wie können wir uns davor schützen, zu viel von unserer Autonomie preiszugeben? Durch die bewusste Entscheidung, auf einen digitalen Assistenten zu verzichten, ihn beschränkt oder ganz bewusst zu gebrauchen.

Können Sie Menschen verstehen, die sich der Technik komplett verweigern?

Ja. Wobei auch solchen Leute wohl Facebook oder Google nicht ganz unbekannt sind.

Ist das auf lange Sicht überhaupt ein gangbarer Weg, um seine Autonomie zu wahren? Oder ist die Gesellschaft schon zu stark von der Technik durchdrungen, sodass «Enthaltsamkeit» letztlich nur eine eingeschränkte Lebensqualität bedeutet?

Die Technisierung der Gesellschaft hat ohne Zweifel grosse Vorteile mit sich gebracht. Das darf aber nicht in eine Technikgläubigkeit ausarten. Ich persönlich finde es besser, wenn man sich mit dieser Entwicklung auseinandersetzt und damit auch einen bewussten Entschluss fassen kann, ob man etwas will oder nicht. Aber das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden.

Wie viel Macht dürfen wir Maschinen denn zugestehen?

Da sind wir im Kern des Themas. Das «Recht auf informationelle Selbstbestimmung» ist ein Menschenrecht, das unsere Verfassung schützt. Damit muss immer der Mensch selbst im Zentrum stehen. Eine Unterstützung durch die Technik ist die heutige Praxis, und das ist auch gut so. Doch wenn Maschinen alleine entscheiden, stellen sich einige grundsätzliche Fragen.

An welche Fragen denken Sie dabei?

Es geht um ethische Fragen: Der wohl bekannteste Fall betrifft selbstfahrende Autos: Ein Auto fährt eine Strasse entlang, es muss einem Hindernis ausweichen, links eine Frau mit Kinderwagen, rechts ein Rentner. Wie soll sich das Auto entscheiden? Soll sich das Auto dafür entscheiden, den alten Mann oder ein Kind zu überfahren? In Deutschland wurde zu dieser Frage eine Ehtikkommission eingesetzt. Man darf sehr auf die Ergebnisse gespannt sein.

Vielleicht gelangt der Mensch irgendwann ja an einen Punkt, an dem er sein Streben nach Fortschritt in seinem eigenen Interesse zügeln sollte?

Das Streben nach Fortschritt hat der Menschheit viel Segen gebracht, aber auch Leid. Es geht ja bei jeder Erfindung um die Frage, wie man sie umsetzt. Da sind «gute» und «schlechte» Umsetzungen möglich. Nehmen Sie die Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel. Er wollte eigentlich etwas Positives, das danach aber auch missbraucht wurde. Es gibt sicher solche Punkte, wie etwa das Klonen von Menschen und andere ethische Fragen.

Ein beliebtes Sujet in Filmen ist der Kampf des Menschen gegen Maschinen, die er einst erschaffen hat und die ihn nun in seiner Existenz bedrohen. Entbehrt ein solches Hollywood-Szenario jeglicher Grundlage?

Die Entwicklung im Bereich der Technik ist rasant – so feiert das Iphone dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag. Heute sind Smartphones kaum noch wegzudenken. Es gibt auch Fortschritte im Rahmen der künstlichen Intelligenz. Deshalb würde ich ein solches Szenario nicht völlig ausschliessen, wobei natürlich zu hoffen ist, dass dies nie eintreten wird.

Welche Vorteile verbinden Sie umgekehrt mit Fortschritt und Digitalisierung? Können Sie hierfür konkrete Beispiele nennen?

Wenn man die Digitalisierung so versteht, dass Computer Entscheidungen treffen, kann ein Vorteil etwa darin bestehen, dass diese Entscheidung nicht von negativen Emotionen getragen wird. Menschen werden beim Autofahren erfahrungsgemäss müde. Bei selbstfahrenden Autos besteht diese Gefahr nicht. Dadurch, so hofft man, sollten Unfälle vermieden werden können.

Gewinnen Entscheidungen denn insgesamt an Qualität, wenn sie von Maschinen statt von Menschen gefällt werden?

Maschinen haben bisher keine Gefühle. Damit fallen Entscheidungen neutral aus und werden, wie schon angetönt, nicht von negativen Emotionen beeinflusst. Menschen, die von solchen Entscheidungen betroffen sind, könnten dies aber so wahrnehmen, dass sie diesen Maschinen untergeordnet sind.

Wie kann man sich eine Entscheidungsfindung einer Maschine überhaupt vorstellen? Was geschieht da?

Maschinen haben keinen freien Willen. Bevor eine Maschine Entscheidungen treffen kann, muss sie dafür trainiert werden. Dazu gibt es verschiedenste Verfahren. Beispielsweise könnte eine Maschine eine oder mehrere Personen über einen längeren Zeitraum in bestimmten Situationen beobachten und deren Verhalten mit entsprechend messbaren Parametern aufzeichnen. So könnte eine Maschine feststellen, dass, wenn die Regenwahrscheinlichkeit grösser als 60 Prozent ist und der Autoschlüssel am Schlüsselbrett hängen bleibt, der Mensch einen Schirm aus dem Ständer nimmt. Es entsteht ein Muster, das die Maschine interpretiert und basierend darauf entsprechende «Entscheidungen» treffen kann. Soll auf einen Schirm hingewiesen werden? Dies ist nur ein einfaches Beispiel, doch wesentlich ist hier, dass Maschinen und somit digitale Assistenten derzeit nur in einem bestimmten Kontext funktionieren; und zwar in jenem, für den sie trainiert wurden.

Und wann wird die erste Maschine Realität sein, die völlig eigenständig und losgelöst von allen Kontexten denken kann?

Das ist schwierig zu beantworten.

Aber es wird so weit kommen.

Über künstliche Intelligenz wird immer mehr diskutiert. Hier gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.

Wie steht es mit Gefühlen? Werden Maschinen irgendwann auch dazu befähigt sein?

Davon ist auszugehen. So sind Roboter in Japan bei der Altenpflege im Einsatz, einem Bereich, in dem Empathie eine wichtige Rolle spielt. Ich gehe davon aus, dass es dort schon Gedanken in diese Richtung gibt.

Irgendwie stellt sich ob dieser Aussichten doch ein etwas ungutes Gefühl ein. Gibt es auch Entwicklungen, die positiv stimmen dürfen?

Ja, die gibt es. Wie erwähnt, geht es hier um ein Menschenrecht, das in Europa verankert ist. Demgemäss gibt es neue Regeln, die unter anderem vorsehen, dass künftig der Schutz der Privatsphäre in Produkten von Anfang an zu berücksichtigen ist. Man spricht hier von «privacy by design». Nutzer müssen vermehrt und besser informiert werden. Gemäss diesen neuen Regeln drohen Unternehmen, die sich nicht an den Datenschutz halten, horrende Bussen. Damit möchte man auch neue Ideen in Europa schaffen, um weniger von den bekannten US-Produkten abhängig zu sein. Aber die Hauptidee besteht in der Umsetzung dieses Menschenrechts.

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