Ein aufregendes Sexabenteuer im Internet kann sich ganz schnell in einen Albtraum verwandeln. Bild: iStock
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Sextortion Das «typische» Opfer einer Erpressung durch sexuelles Bildmaterial gibt es laut Psychologin Sonja Hersche nicht. Abgesehen davon, dass die Betroffenen meist männlich sind. Was jedoch stets zum Tragen kommt, ist die Heimtücke medialer Kommunikation.

Oliver Beck

Dass Aufnahmen, die sie in einem eindeutig sexuellen Kontext zeigen, ins Internet gelangen, ist für die meisten Menschen ein schlimmer Gedanke. «sextortion», die Erpressung mit delikaten Bildern und Videos, setzt genau hier an. Nur wer die finanziellen Forderungen des Täters erfüllt, entgeht der öffentlichen Demütigung. Oder hat zumindest die Chance darauf. Immer wieder wird das Bildmaterial am Ende trotzdem publik.

Auch in Liechtenstein geraten Personen in die Fänge von Online-Erpressern. Die Landespolizei spricht von fünf sextortion-Fällen im jährlichen Durchschnitt. Erst letzte Woche informierte sie in einer Presseaussendung über einen jungen Mann, den eine unbekannte Täterin mit Filmsequenzen aus diversen Videochats zur Zahlung von mehreren Tausend Franken nötigen wollte. Zu einem Geldtransfer kam es nicht. Stattdessen erstattete das Opfer Anzeige.

Männer und Frauen leben Sexualität unterschiedlich

Das Beispiel des jungen Liechtensteiners entspricht insofern der grossen Mehrheit der weltweiten Fälle, als dass der Betroffene ein Mann ist. Für Sonja Hersche, selbstständige Psychotherapeutin und ehemalige Leitende Psychologin Forensik der Klinik Beverin,

ist diese Geschlechterverteilung keine Überraschung. «Männer bewegen sich häufiger auf Online-Dating-Plattformen als Frauen, und sie sind auch rascher bereit, auf sexuelle Aufforderungen ein- zugehen», sagt sie. Zudem zeige die Forschung, dass Männer und Frauen Sexualität unterschiedlich lebten. «Nehmen wir nur das Beispiel, dass die Anzahl Liebschaften bei Frauen und Männern sozial unterschiedlich gewertet wird. Eine Frau wird rasch zum , ein Mann zum . In psychologischer Hinsicht wird oft beobachtet, dass Frauen Sexualität eher als Mittel zum Erhalt der Bindung sehen. Sexualität innerhalb der Beziehung ist also sehr wichtig. Für Männer hingegen ist Sexualität oft bereits das Mittel, das überhaupt zu einer Beziehung führt.» Andere beim Menschen zu verortende Faktoren – ob nun Persönlichkeitsmerkmale oder bestimmte Lebensumstände – , welche dieWahrscheinlichkeit erhöhen könnten, Opfer von Sextortion zu werden, gibt es laut Hersche nicht. «Jeder Mensch ist ein Individuum und sein Verhalten sehr unterschiedlich», betont die Psychologin.Vor diesem Hintergrund müsse sehr genau darauf geachtet werden, «dass Opfer durch Zuschreibungen und Vorurteile nicht nochmals zu Opfern gemacht werden.» Was Sextortion dagegen personenunabhängig begünstigen kann, ist dasWesen der technisch vermittelten Kommunikation. Durch die Zwischenschaltung eines Mediums wird zwischen zwei interagierenden Menschen stets eine gewisse Distanz gewahrt. «Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der emotionaleAbstand zum Gegenüber das Risiko deutlich erhöht, unsere moralischen Grundsätze über Bord zu werfen», weiss Hersche. «Das Internet gaukelt uns vor, anonym und unverbindlich zu sein. Deshalb sind Menschen auch rascher bereit, etwas zu tun, wozu sie in einem realen Kontakt mit einem realen Gegenüber nicht so schnell oder überhaupt nicht bereit wären.» Und das wohlgemerkt in beide Richtungen. Das Internet vermag Menschen nicht nur zu Opfern, sondern auch zu Tätern zu machen.

Mechanismus im Hintergrund

Hinzu kommt die grosse Macht sexueller Erregung. Ist diese erst einmal gegeben, hat es die Vernunft schwer, sich noch einmal Bahn zu brechen und ein potenzielles Sextortion-Opfer zumAbbruch der Handlungen vor der Webcam zu bewegen. Mit Willensschwäche hat das nichts zu tun. Es sind vielmehr neuropsychologische Prozesse, die da im Hintergrund wirken. «Sie helfen uns, unsere Motivation aufrechtzuerhalten und damit kurzfristige und langfristige Ziele zu erreichen», erklärt Hersche. «Je stärker Emotionen mit Handlungen und Gedanken verbunden sind, desto einfacher kann die Handlung zu Ende geführt werden und störende Reize wie Bedenken oder Warnungen werden ausgeblendet.» Sexuelle Lust, man ahnt es, gilt als «sehr starker Motor».

«Individuell gravierende Auswirkungen» möglich

Mündet ein sexuell motivierter Online-Kontakt dann tatsächlich in einen Erpressungsversuch, kann dies «individuell gravierende Auswirkungen nach sich ziehen», wie Hersche herausstreicht. «Die Täter treffen mit ihrem Vorgehen gezielt schambesetzte Themen und nutzen Vertrauen aus. Das heisst, dass Erniedrigung, Ohnmacht und Beschämung ausgelöst werden.» Damit umzugehen, sei für niemanden einfach.

Eminent wichtig sind deshalb Faktoren wie psychische Stabilität, äussere Sicherheit und ein soziales Umfeld, das unterstützend wirkt und von Anschuldigungen absieht. Sie alle können dazu beitragen, dass ein Opfer durch das Erlebte nicht zu stark beeinträchtigt wird. Aber auch Menschen ohne solche Ressourcen finden bei Bedarf Unterstützung. Die Opferhilfe wäre laut Hersche eine mögliche Anlaufstelle. Ebenso empfehle sich mitunter eine psychologische Beratung oder eine Therapie.

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