Michael Vogt, Fiorenzo Vallone, Christoph Frommelt und Lars Beck (v.l.)
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Die Digitalisierung ist aus kaum einem Bereich des alltäglichen Lebens mehr wegzudenken. So auch im Bau- und Baunebengewerbe nicht. Christoph Frommelt (Frommelt Zimmerei Ing. Holzbau AG), Fiorenzo Vallone (Ospelt Haustechnik AG) und Michael Vogt (Uni Liechtenstein und FraVo Anstalt) diskutieren am Roundtable, welche Gefahren und welche positiven Einflüsse durch die Digitalisierung auf die Arbeitnehmer zukommen.

Liechtenstein gilt in der Industrie und anderen Branchen als Vorreiter. So auch im Bau- und Baunebengewerbe. Wie kann sich Liechtenstein Ihrer Meinung nach weiterhin so stark behaupten?

Christoph Frommelt: Meine Meinung dazu ist, dass wir uns auf unsere Stärken berufen. Wir sind keine Massenproduzenten, sondern sehr individuell und flexibel ausgerichtet. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass wir immer wieder neue Nischen finden müssen. So können wir die Fähigkeiten und Qualitäten, die wir haben, immer wieder nutzen und am Markt anbieten.
Fiorenzo Vallone: In unserem Betrieb sieht es so aus, dass wir stark in die Aus- und Weiterbildung investieren, sodass wir immer auf dem neusten Stand der Technik sind und uns behaupten können. Zudem wollen wir stets die betrieblichen Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter so angenehm wie möglich gestalten. Denn unser grösstes Potenzial sind nun einmal die Mitarbeiter.
Michael Vogt: Ich denke auch, dass aufgrund der Kleinheit Liechtensteins und zum Teil aufgrund der Unternehmungen recht schnell auf den Wandel reagiert werden kann, was mitunter eine der gössten Stärken ist. Dies bringt uns eine gewisse Felixibiltät und Anpassungsfähigkeit.
Christoph Frommelt: Was zuvor Fiorenzo gesagt hat, fordert das andere. Dass man gute Mitarbeiter mit einer guten Ausbildung hat, ist ein Muss, damit man sich behaupten kann.

Dieser Erfolg stellt die Unternehmen auch vor diverse Herausforderungen. Wie sieht die aktuelle Situation in der Rekrutierung von neuen Arbeitskräften und Lehrlingen in Ihrer Branche aus?

Christoph Frommelt: Wir erhalten jedes Jahr genügend Anfragen von potenziellen Lehrlingen. Wir sehen uns eher mit dem Problem konfrontiert, dass wir über der Hälfte der Bewerber absagen müssen und nur 30 Prozent nehmen können. Das Problem hierzulande ist die Bereitschaft der Betriebe, überhaupt noch Lehrlinge aufzunehmen und sie auszubilden. Immer weniger Betriebe sind bereit, Lehrlinge auszubilden. Eine Ausbildung kostet zwar Geld, ist aber auch sehr wichtig. Dort müssen wir in Zukunft einen Weg finden. Genau aus dem Grund, weil die einen sehr viel in Ausbildung investieren und auf der anderen Seite die anderen, die sehr davon profitieren. Wir müssen lernen, dass die Aus- und Weiterbildung für alle Betriebe, die im Land tätig sind, wichtig ist. Betriebsinterne Ausbildungen machen wir relativ viel, um unsere Lehrlinge weiterzubringen. Zusätzlich fördern wir Lehrlingsprojekte, wie beispielsweise kürzlich das Projekt einer Holzbrücke. Wir müssen aber schauen, dass wir den Beruf attraktiv halten gegenüber anderen Branchen.
Fiorenzo Vallone: In der Haustechnik-Branche ist es leider so, dass es sich um einen ausgetrockneten Markt handelt, weil wir zunehmend Schwierigkeiten haben, gute Lehrlinge zu rekrutieren. Wir stellen auch bei den Schulabgängern fest, dass das Interesse am Bau relativ gering ist. Wir müssen ständig Präsenz zeigen und viel Aufwand betreiben, sei dies an Berufsmessen oder an Schulen. Wir bilden jedes Jahr rund 10 neue Lehrlinge aus. Aber es ist mittlerweile ein schwieriges Unterfangen.

«Wir haben ­zunehmend ­Probleme, gute Lehrlinge zu ­finden.» – Fiorenzo Vallone

Woher kommt Ihrer Meinung nach dieses Desinteresse?

Fiorenzo Vallone: Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht scheut man sich vor der körperlichen Arbeit. Der Verdienst in der Baubranche liegt im Bereich einer KV-Lehre. Es kann auch sein, dass die Schulabgänger von den Eltern gesteuert werden, eher eine Lehre im kaufmännischen Bereich zu absolvieren.
Christoph Frommelt: In der Zimmerei stellen wir einen weiteren Sachverhalt fest: Wir haben viele qualifizierte Leute, aber das Problem ist, dass sich die Kandidaten nach oben hin weiterbilden. Wir brauchen ganz klar Leute, die sich weiterbilden und diesen Beruf weiterbringen und natürlich auch jene, die die Arbeiten ausführen. Wenn wir gut qualifizierte Leute von der Realschule aufnehmen, die dann einen Abschluss machen, gehen diese meistens weiter an ein Technikum oder machen die Berufsmatura. Das Wissen ist für uns zwar nicht verloren, aber wir brauchen auch gute Handwerker.
Michael Vogt: Ich sehe es genauso. Wenn man es aus der Sicht der Uni betrachtet, kann man sagen, dass der Ansturm auf einen Studienplatz relativ gross ist. Vor zwei Jahren waren wir rund 30 Studierende. Jetzt sind es deutlich mehr pro Jahrgang. Das sind viele Menschen, die im Bau und Gewerbe ausgebildet wurden, die Berufsmatura absolviert haben und Architektur studieren. Diese Leute gehen dem Handwerk effektiv verloren.
Fiorenzo Vallone: Wir haben den Leitspruch: «Vom Monteur zum Ingenieur.» Man kann auch in der Baubranche weiterkommen und Karriere machen, unser Bildungssystem lässt dies zu. Aber wie Christoph sagt, irgendwann fehlen uns einfach die guten Handwerker auf dem Bau.

Welches sind ausschlaggebende Faktoren, die einem Unternehmen unter anderem gewährleisten, dass es stets gute und ausgewiesene Arbeits- und Fachkräfte bekommt und ihm diese auch erhalten bleiben?

Christoph Frommelt: Es braucht von beiden. Das ist auch das Spannende an diesen Berufen. Nach oben hin ist alles offen. Besonders wenn man über eine solide Basis und eine gute Grundausbildung verfügt. Meiner Meinung nach ist dieser Werdegang auch heute noch der optimale. Nach der Berufslehre bildet man sich weiter und macht die Berufsmatura. Wir brauchen aber auch Handwerker und dort müssen wir achtgeben, dass wir die passenden Bedingungen schaffen. Es gab Zeiten, da musste man im Gewerbe 12 Stunden arbeiten, es gab keine verlängerten Wochenenden – es gab nur eins: vorwärtsmachen. Da müssen wir schauen, dass wir attraktive Arbeitsplätze anbieten können mit geregelten Arbeitszeiten und teilweise auch flexible Arbeitszeiten zulassen. Auch die Ferien müssen flexibel sein.
Fiorenzo Vallone: Wir versuchen, zumindest die Guten zu behalten und sie zu fördern. Sei es durch unsere eigene Holding Inretis Gruppe, mit der wir mehrere Standorte in der Schweiz haben. Dort erfahren sie einen Austausch. Oder dass man sie zu einer Zusatzlehre motiviert. So bleiben sie uns zumindest erhalten. Es ist wichtig, dass sie nach der Lehre auch andernorts Berufserfahrung sammeln.
Michael Vogt: Aus Sicht der Architekten betrachtet, machen wir unsere Ausbildung an der Universität und geht später wieder ins Gewerbe zurück. Wir spüren dieses Arbeitsklima sehr stark, da wir oft auf den Baustellen sind. Und auch die Arbeitszeiten, die damit verbunden sind. Es ist ganz klar nicht der klassische 8-bis-17-Uhr-Job. Es ist eine Arbeit, bei der man permanent dabei ist. Das ist vielleicht der Unterschied zu einem herkömmlichen Job. So ein Job im Baugewerbe scheint nicht immer attraktiv.
Christoph Frommelt: Fiorenzo hat diese Holding erwähnt. Es ist wirklich vorteilhaft für den ausgelernten Lehrling, anderswo Berufsluft zu schnuppern. Durch eine Holding, die ein guter Ansatz ist, können die Mitarbeiter neue Berufserfahrungen sammeln. Wir müssen uns Ansätze überlegen, damit uns die Lernenden erhalten bleiben. Bei den Zimmerleuten gibt es ja den klassischen Wanderzimmermann. Die Idee dahinter ist ganz ähnlich. Man geht drei Jahre auf Wanderschaft und lernt das Handwerk aus anderer Perspektive kennen. Und das tut jedem Lehrling gut. Das ist aber die Krux eines Ausbilders. Gut wäre, wenn man sie kontrolliert schicken könnte. So würde der Ausbilder nicht das verlieren, was er erschaffen hat.

Fiorenzo Vallone

Gibt es gewisse Nachteile in der Lehrlingsausbildung, die gerade durch die Digitalisierung entstehen?

Christoph Frommelt: Das Problem, das wir bei der Ausbildung feststellen, ist, dass die Berufsschule rund 10 Jahre hinterherhinkt. Das stellt uns in der Lehrlingsausbildung vor massive Probleme. Es braucht Grundlagen in der Lehrlingsausbildung, es braucht Geometrie, es braucht technische Fähigkeiten, aber die ganze Digitalisierung wird noch nicht gelernt und vernachlässigt. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unsere Ausbildung sehr nahe bei der Produktion ist. Dort müssten wir auch schneller werden. Wir beschäftigen uns zu wenig damit, wie wir die Ausbildung relativ nahe an die Produktion bringen können. Wenn du Mitarbeiter haben willst, die der Digitalisierung gewachsen sind, muss man sie diverse Kurse absolvieren lassen. Im oberen Bereich gibt es Ausbildungen, aber an der Basis sind wir noch etwas davon entfernt. Darauf müsste ein grösseres Augenmerk gelegt werden. Die Universitäten sind meistens am Puls, aber die Lehrlingsausbildungen leider noch nicht.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher in Ihrer Branche sowie Ihrer Firma mit dem Thema Digitalisierung gemacht? Oder anders ausgedrückt: Wie weit ist die Digitalisierung in Ihrem Betrieb bereits Alltag geworden?

Christoph Frommelt: Die Abwicklung des Betriebs ist teilweise schon digitalisiert. Der Mitarbeiter gibt z. B. über sein Handy die Stunden ein und so haben wir sie im System verbucht. Das ist einmal der betriebswirtschaftliche Ablauf. Die andere Seite ist die Produktion. Die Planung selbst ist schon digitalisiert. Bei uns in der Zimmerei ist es so, dass die Produktion der Tragstruktur digitalisiert ist. Die digitalen Daten des Architekten werden weiter aufgebaut und später an eine CNC-Maschine digital übergeben.
Fiorenzo Vallone: Wir sind im Ingenieurwesen mit BIM (Building Information Modeling) in den Anfängen der Digitalisierung. Man plant das Gebäude nicht mehr auf Basis von 2D-Grundlagen, sondern modelliert es zu einem digitalen 3D-Modell. Jedem Bauteil werden Informationen zugewiesen, wie beispielsweise Kosten, Zeit oder physikalische Eigenschaften. Richtig verknüpft, können auf Knopfdruck aus diesen Daten Kostenvoranschläge, Terminpläne oder der Energiebedarf ermittelt werden. Wir sind zwar noch nicht so weit, aber das wird in den kommenden Jahren sicher Alltag sein. Zudem können sich die Kunden anhand eines 3D-Modells das Gebäude viel besser vorstellen. Die Vorlage wird nur visuell und nicht haptisch wiedergegeben. Die erfassten Daten erleichtern nachträgliche Bearbeitungen und Änderungen enorm. Der ganze Prozess läuft viel schneller ab. Eine spannende Sache auf planerischer Seite. Im Kundendienst haben wir mit dem APIO ein eigenes in der Holding und mit anderen Partnern entwickeltes Produkt zur Vernetzung, Steuerung und Überwachung gebäudetechnischer Anlagen. Mit der App kann man die Daten und Funktionszustände von überall aus visuell überblicken. Bei den Badewelten kann man heute schon anhand einer VR-Brille das Badezimmer visualisieren.
Michael Vogt: BIM ist ein sehr interessanter Ansatz. In der Planung kann es zu einem Meilenstein werden. Sämtliche Informationen in einem Modell zu speichern, ist und wäre sehr vorteilhaft und könnte auch der Visualisierung dienen. Wir fahren jedoch immer noch zweigleisig. Einerseits dient es zum Visualisieren für die Kundschaft, was sie als Endprodukt bekommen, da es für viele schwierig ist, einen Plan zu lesen. Die andere Seite ist, dass es diese formierten Pläne immer noch benötigt, um auf der Baustelle bauen zu können. Die Baumeister sind heute schon mit Tablets auf der Baustelle anzutreffen, jedoch haben sie auch immer einen ausgedruckten Plan dabei, auf dem sie zum Beispiel mit dem Meter nachmessen können. Es braucht Leute, die diese Pläne lesen können. In Zukunft wird es wahrscheinlich so sein, dass sie es aus dem 3D-Modell herauslesen müssen. Bis dieser Schritt allerdings gemacht ist, wird es noch eine Weile dauern.

«BIM ist ein sehr ­interessanter Ansatz. In der Planung kann es zu einem Meilenstein werden.» – Michael Vogt

Der Holzbau ist diesbezüglich einen Schritt weiter als das Baugewerbe. Inwiefern führen heute schon autonome Fahrzeuge und Maschinen in Ihrem Betrieb Arbeiten und Vorgänge aus, und welche Maschinen werden in Zukunft die Mitarbeiter unterstützen?

Fiorenzo Vallone: Dass der Mensch auf dem Bau Teile montiert, wird auch in der Zukunft so sein, aber in der Vorproduktion und in der Werkstatt kann man die Prozesse automatisieren. Eine Person, die mit den Kunden ein Gespräch führt, seine Bedürfnisse aufnimmt und daraus ein Konzept ausarbeitet, wird es auch in Zukunft noch geben. Wenn die künstliche Intelligenz so weit ist, ist es vielleicht möglich, den Menschen zu ersetzen. Jetzt benötigen wir die Menschen aber noch. Es gibt heute bereits Hilfsmittel wie z. B. Drohnen, die bei einer Bauaufnahme behilflich sein können. 3D-Laser-Scanner werden die Bestandsaufnahmen vereinfachen. Solche Hilfsmittel werden uns in der Zukunft sicher weiter unterstützen. Aber all dies braucht Menschen für die Bedienung.
Michael Vogt: Ich sehe es bei uns genau gleich. Der Mensch, der vor dem Computer sitzt und der, der dem 3D-Drucker sagt, was er zu tun hat, ist immer noch der Architekt. Und ohne diesen wird es wohl nie gehen. Wir werden in Zukunft vielleicht weniger Architekten benötigen, weil nicht jeder Plan von Hand gezeichnet werden muss. Aber der Knopfdruck für die Ausführung des Auftrags muss immer noch von Hand ausgeführt werden. Der Computer ist einfach ausgedrückt ein Werkzeug. Was früher der Stift war, ist heute der Computer – die Verlängerung des Arms. Ohne jemanden, der dies bedient, geht es nicht.
Christoph Frommelt: Ich glaube, wir müssen einen Unterschied machen zwischen Massenproduktion und dem Bereich, den wir zuvor besprochen haben. Wir sind in einem sehr individuellen Markt tätig, denn wir bauen Prototypen. Und um Prototypen zu bauen, lohnt sich eine solche Maschine nicht. Wenn wir im Jahr 200 Häuser vom gleichen Typ produzieren, dann würden wir stark automatisieren.

Aber wo geht die Zukunft der Liechtensteiner hin?

Christoph Frommelt: Meiner Meinung nach genau nicht in diese Nische. Unser Markt ist schlichtweg zu klein. Deswegen sind wir individuell und flexibel aufgebaut. Hierzulande fordert es Apparate, die hochflexibel sind und nicht bloss über eine Funktion verfügen und repetierende Aufgaben ausführen. Es ist wichtig, dass man sich digitalisiert und automatisiert, aber mit Geräten, die multifunktional sind.
Michael Vogt: Genau. Unser Markt ist sehr stark auf Individualisierung ausgelegt und auch davon abhängig. Es will niemand das exakt gleiche Haus wie der Nachbar. Es soll möglichst individuell sein und sein Eigenbedürfnis soll sich in der Planung auch widerspiegeln. Durch unseren Markt werden nie standardisierte Produkte für die Kunden vorproduziert werden – zumindest nicht in der Baubranche.

Michael Vogt

Welche Chancen bestehen für das Unternehmen und können durch die Digitalisierung neue Jobs entstehen?

Fiorenzo Vallone: Durch das BIM wird es bestimmt neue Jobs geben. Man spricht heute schon von einem BIM-Koordinator bzw. von einem BIM-Manager. In der Montage gibt es noch nichts Spezielles, das von Maschinen übernommen werden soll. Den Monteur braucht es nach wie vor noch.
Christoph Frommelt: Im Bereich der Zimmereien hat in der Ausbildung schon ein grosser Wandel stattgefunden. Die Digitalisierung wird vor allem im Bereich der Arbeitsvorbereitung und in der Produktion neue Berufsbilder fordern.

Wie wirkt sich dieser Wandel hin zum digitalen Zeitalter auf die Rekrutierung und auf langjährige Mitarbeiter aus?

Michael Vogt: Wenn man beispielsweise die Baubranche betrachtet und wir beim Baumeister angelangt sind, dass es plötzlich nicht mehr den klassischen Schaler braucht, der eine Betonschalung macht, sondern wir die Qualität, die Geschwindigkeit und die Genauigkeit massiv erhöhen, sodass es plötzlich den Möbelschreiner benötigt, um zum Beispiel den Sichtbeton zu schalen. Ich denke grundsätzlich, dass sich die Jobs verschieben werden, in eine andere Sparte hinein. Die logische Folgerung wird sein, dass qualitativ höher und genauer gearbeitet werden muss.

Da es heute immer schneller gehen muss und Zeit ein wichtiger Faktor ist, müsste es demnach so sein, dass eine Arbeit von mehr als einer Person ausgeführt werden müsste? Genügt es dann noch mit einer Fachkraft?

Christoph Frommelt: Eine CNC-Maschine ersetzt rund 5 bis 6 handwerkliche Mitarbeiter. Aber es benötigt eine Person, die die CNC-Maschine bedient. Diese Person hat eine neue Aufgabe bekommen. Sie muss nicht mehr von Hand Hölzer anreissen und bearbeiten. Nein, sie muss schnelle Entscheide überwachen und auch überblicken. Die CNC macht für sie die handwerkliche Arbeit. Ein weiterer Wandel wird definitiv stattfinden. In Zukunft werden Häuser im Massivbau vielleicht im 3D- Drucker vorgefertigt und nicht mehr geschalt. Im asiatischen Raum wurden solche Häuser als Prototypen bereits gebaut. Aber in unserem Bereich wird es eher lange brauchen, bis sich das durchsetzt.

Aus Ihrer Sicht gesehen: Finden Sie den Wandel der Digitalisierung eher positiv oder doch auch negativ behaftet?

Fiorenzo Vallone: Grundsätzlich stehe ich der Digitalisierung positiv gegenüber. Es wird eine herausfordernde und spannende Zeit. Sie wird Vor- und Nachteile mit sich bringen. Wenn man einmal den Mehrwert sieht, dann will man nicht mehr zurück. Wenn man sieht, was man heute alles mit der Digitalisierung erreichen kann, dann kann man nur positiv hinter diesem Wandel stehen.
Michael Vogt: Das finde ich auch. Wenn man selbst technisches oder IT-Flair hat, dann kann man sehr viel selber machen. Irgendwann fehlt dann die Zeit, um alles selber zu machen. Dann werden Fachkräfte benötigt. Durch die Digitalisierung hat man jedoch grössere Möglichkeiten, dort einzugreifen. Ich stehe diesem Wandel sehr positiv gegenüber. Das Einzige, was mir weniger gefällt, ist, dass das Handwerk, das man als Architekt braucht – nämlich einen geraden Strich zeichnen zu können –, nicht mehr 100 Prozent vermittelt wird. Von Hand zeichnen zu können fehlt irgendwo. An der Uni arbeiten wir das erste Jahr zwar analog, was ich sehr gut finde, aber wenn ich sehe, dass man früher in der Hochbauzeichnerlehre noch mehr von Hand gezeichnet hat, finde ich, gehen da die wirklichen Einblicke in das kleinste Detail des Handwerks ein wenig verloren.
Christoph Frommelt: Ich sehe es prinzipiell positiv. Im Architekturbereich, und da möchte ich bei Michael Vogt nochmals nachhaken, beginnt eine Kopiererei. Ich stelle immer wieder fest, dass es an der Uni so schlaue Studenten gibt, die versuchen, Bestehendes zu holen und in ihre Idee hineinzuwürgen. Copy-paste ist eine Riesengefahr, man verliert so halt seine eigene Identität und Handschrift. Was mich sehr stark beschäftigt, ist, dass man nicht mehr sehr bewusst etwas macht, sondern der Einfachheit halber einfach etwas sucht. Da sehe ich die Gefahr, eine gewisse Oberflächlichkeit zu schaffen. Das andere Problem ist das fixe Glauben an die Daten und die Maschine. Die jungen Leute heute geben 5 Daten in den Computer ein, der spuckt eine Dimension aus, und das «muss» dann einfach stimmen. Genau dort verlieren wir unser Sensorium und unser Gefühl – und das müssen wir verhindern. Qualität am Bau ist den Unternehmern genauso wichtig wie den Bauherren.

«Copy-paste ist eine Riesengefahr. Man verliert so halt seine eigene Identität und Handschrift.» – Christoph Frommelt

Wie gewährleisten Sie in Ihrem Unternehmen, dass Ihre Kunden mit Ihren Aufträgen stets zufrieden sind?

Christoph Frommelt: Im Holzbaubereich gibt es auch Positives mit der Digitalisierung und Automatisierung. Holzverbindungen werden wieder Thema. Da sie wieder erschwinglich werden, kann man sie wieder produzieren. Heute gibt es die Apparatur dazu. Das alte Handwerk, das sehr zeitintensiv war, kann man heute somit wieder aufleben lassen. Auf der anderen Seite ist es ein Nachteil, weil gewisse Handfertigkeiten verloren gehen. Diese Fertigung mit einer CNC-Maschine ist auch eine Qualitätssteigerung für den Kunden.
Fiorenzo Vallone: Ich glaube nicht, dass es schlechter wird, ich habe eher das Gefühl, dass die Qualität besser sein wird. Man bekommt durch die Digitalisierung auch mehr Planungssicherheit. Mit der BIM-Planungsmethode z. B. werden Arbeitsschritte vereinfacht, Fehler frühzeitig erkannt und Kollisionen vermieden. Da wir auf dem Bau viel von Hand arbeiten, wird es die Qualität nicht beeinträchtigen.
Michael Vogt: Vonseiten der Architektur hat der Kunde ganz klar einen Vorteil durch die Digitalisierung. Ein Plan kann sich kaum jemand vorstellen. Jetzt kann man dem Kunden ein Modell geben, was man früher auch gemacht hat. Ist es aus Karton gemacht? Oder wenn es komplett digital ist, dann wird es in 3D gedruckt. Der Kunde wird auch merken, dass er durch die Digitalisierung Vorteile hat. Er hat auch mehr Zeit, um qualitativ eingreifen zu können. Es wird immer die gleiche Qualität bleiben.
Christoph Frommelt: Wir sind in der Produktion schneller geworden, aber in der Planungs- und Entscheidungsphase viel komplizierter. Es muss ein viel längerer Planungsaufwand betrieben werden. Durch die Massen von Informationen in der heutigen digitalen Zeit ist die Entscheidung für den Kunden viel schwieriger geworden.

Christoph Frommelt

Stichwort preiswerter produzieren: Wenn die ganze Arbeit von Robotern und Automaten gemacht wird, soll Bauen in Zukunft auch günstiger werden?

Christoph Frommelt: Teilbereiche, die eine Massenanfertigung abdecken, werden extrem günstiger. Wenn man bedenkt, wie viel ein Auto vor ein paar Jahren gekostet hat, im Vergleich zum Verdienst, dann ist es enorm günstiger geworden. Daraus kann die Baubranche noch lernen.

Welches Plädoyer können Sie Kunden durch die Digitalisierung mit auf den Weg geben?

Christoph Frommelt: Wenn man es von der Architektur her betrachtet, hilft es, eine Grundidee hinter ein Haus zu stellen und diese Grundsätze sollten die Leitplanken für die Entscheide sein. Der Kunde informiert sich in vielen Publikationen und hat dadurch eine zu grosse, ungefilterte Auswahl. Der Kunde würde sich viel leichter tun, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und dem Architekten Vertrauen schenkt. Ein guter Architekt hat eine Handschrift und plant ein einheitliches Gesamtwerk.
Fiorenzo Vallone: Es wird allgemein neue Produkte geben und Dienstleistungen, auf die sich der Kunde einstellen muss, seien es Angebot, Fakturierung oder Informationen über den digitalen Kanal.
Michael Vogt: In der Baubranche sowie in der Architektur sind viele Fachleute erforderlich. Ein gesundes Mass an Vertrauen zu diesen ist angebracht. Dies gilt auch für die Ausbildung und für das Studium. Gerade in einer digitalisierten Welt, wo alles einfacher erscheint, sollte man seine Gedanken zusammenhalten. (lb)

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