YouTube wird von üblen Trash-Videos zugemüllt. Ein häufig gewähltes Objekt ist nicht nur Spiderman, sondern insbesondere Disney-Prinzessin Elsa (r.). Der Skandal wurde nach ihr benannt. Bild: pd
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Ein verstörender Trend erschüttert das Netz: Auf YouTube und dessen kindersicheren Kanälen sind Tausende Videos aufgetaucht, in denen es um Gewalt und sexuelle Anspielungen gegen Kinder und bekannte Comicfiguren wie Disneys Elsa geht.

Spiderman pinkelt in eine Badewanne. In der Wanne sitzt Elsa, die Eiskönigin aus dem Disney-Film «Frozen – Die Eiskönigin». Sie reisst den Mund auf und starrt auf den gelben Strahl. Sie ist entsetzt. In einem anderen Video ist Schweinchen «Peppa Wutz» zu sehen, wie es Bleichmittel trinkt oder von einem furchteinflössenden Zahnarzt und einer Vielzahl von Geräten gefoltert wird. In der Zeichentrickserie «Paw Patrol – Die Retter auf vier Pfoten» sterben plötzlich Charaktere. Micky Maus wird von einem Auto angefahren und liegt blutüberströmt auf der Strasse. Die Produzenten dieser Beiträge sind unbekannt, Kinder schockiert und Eltern entsetzt.

Weltweit mehr als elf Millionen User

Einer der Ersten, der auf die sinnlosen, brutalen und teils gewaltverherrlichenden Videos und deren verstörendem Inhalt aufmerksam gemacht und den Video-Giganten angeprangert hat, war der Blogger James Bridle. Er schrieb auf «medium.com»: Jemand oder etwas nutze YouTube, «um Kinder systematisch zu ängstigen, traumatisieren und missbrauchen.» Eine Lösung für das Problem kenne er nicht: «Wir haben eine Welt geschaffen, in der menschliche Aufsicht einfach unmöglich ist.» Vom Skandal betroffen ist nicht nur YouTube, sondern auch dessen App «Youtube Kids». 2015 in den USA gestartet, ist die App inzwischen in 37 Ländern und acht Sprachen erhältlich. Weltweit wird sie von mehr als elf Millionen Usern genutzt. YouTube Kids hat Zugriff auf sämtliche Videos der Mutterplattform YouTube. Berichten von «BBC» und «New York Times» zufolge erhielten die verstörenden Videos bisher vor allem in den USA grössere Aufmerksamkeit, sind aber nicht regional begrenzt, da die meisten Beiträge ohne Sprache, dafür mit fröhlicher Hintergrundmusik und Geräuschen funktionieren.

Harmloser Anfang mit perfidem Ende

Viele Videos beginnen harmlos, doch dann wird es perfide: Ausgerechnet inmitten der Fantasiewelt ihrer Helden stossen Zwei- bis Fünfjährige auf blutige Inszenierungen, gefälschte Superhelden-Videos mit Sex- und Fäkalszenen, Disneyfiguren beim Suizid, Horrormotive und Gewalt in nachgespielten Filmszenen. Diese Flut an Grausamkeiten ist geeignet, die Seelen der Zielgruppe massiv zu verstören. Betroffen sind Kanäle, die zu den beliebtesten Quellen für Kinderinhalte überhaupt zählen. Die Produzenten des gefälschten und zum Teil offenbar automatisch generierten Filmmaterials sind unbekannt, sie agieren ohne Rücksicht auf den psychischen Schaden, den ihre Machwerke anrichten. Viele Spuren führen offenbar nach Osteuropa. Das Motiv der Fälscher: Klicks – und damit Einnahmen. Ab 10 000 Abrufen schaltet YouTube Werbung, die den Urhebern Geld bringt. Einzelne der Videos wurden bis zu 50 Millionen Mal angeklickt. Dazu einige Beispiele: Ein Video zeigt die beliebten tierischen Helfer aus der Animationsserie «Paw Patrol», wie sie sich von einem Hausdach stürzen. In mehreren Videos sind Kinder leicht bekleidet an Poledance-Stangen zu sehen. In anderen Filmen malträtieren verkleidete Erwachsene als «Ärzte» Kinder mit Spritzen. Ein anderes mit 50 Millionen Views zeigt, wie ein Kind ein anderes mit einem Rasierer verletzt.

Flut an Videomaterial kaum zu steuern

YouTube versucht den Schaden zu minimieren, indem die Videoplattform, deren Wert auf 75 Millionen Dollar geschätzt wird, die Richtlinien verschärft. Zudem hat der Anbieter mittlerweile 50 Kanäle sowie Tausende Fake-Beiträge gelöscht. Darüber hinaus kündigt die Muttergesellschaft «Google» an, strengere Richtlinien für die Betreiber von Kanälen zu schaffen und die Kontrolle durch menschliche Mitarbeiter zu erhöhen. Kein leichtes Unterfangen, denn pro Minute werden 400 Stunden neues Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Malik Ducard, bei YouTube zuständig für familienfreundliche Inhalte, sagte gegenüber der «New York Times», die obszönen Videos seien eine «extrem kleine Nadel im Heuhaufen.» Ducard verwies auf die Möglichkeiten, die Eltern hätten, um den Kanal für ihre Kinder zu personalisieren: Kanäle könnten blockiert, die Nutzerzeit eingestellt und bestimmte Suchergebnisse ausgeblendet werden. Sie könnten zudem unangebrachte Videos melden. Diese würden dann manuell geprüft. YouTube würde fortan täglich mit dem Löschen von nicht kindgerechten Inhalten fortfahren.

Keine Software, sondern Eltern gefragt

Der Konzern ruft User angesichts der gigantischen Masse dazu auf, entsprechende Inhalte zu kennzeichnen – sie unterliegen anschliessend automatisch einer Altersbegrenzung. Doch die Flut ist offenbar kaum zu steuern. Die Software ist ausserstande, Fälschungen von Originalen zu unterscheiden. So ist die zuckersüsse Disney-Prinzessin Elsa aus «Die Eiskönigin», dem erfolgreichsten Animationsfilm der Geschichte, ein häufiges Objekt in gewalttätigen Videos. Der Skandal ist nach ihr benannt: «Elsagate». Er könnte sich zur grössten Jugendschutz-Affäre auswachsen, die YouTube je erlebt hat. Am Ende aber kann es keine optimierte Software allein sein, die Kinder vor schrecklichen Inhalten schützt, sondern Erwachsene, die sich für das interessieren, was ihre Kinder im Netz treiben.

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