Zukunft Ostschweiz Aufnahme : Regina Kühne
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Die Berufsbildung der Schweiz geniesst einen exzellenten Ruf. Doch wir dürfen uns auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen. Am Konjunkturforum der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank wurden die Resultate einer Umfrage zur Berufsbildung präsentiert und vorgeschlagen, die Berufsfachschulen künftig als Kompetenzzentren einzelner Berufsfelder zu organisieren. Damit soll der rasche Wandel in der Arbeitswelt besser abgebildet werden. Der erste Teil der Veranstaltung widmete sich den erfreulichen Konjunkturaussichten.

Gegen 1000 Entscheidungsträgerinnen und -träger aus der Ostschweiz sind wieder der Einladung der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank zum diesjährigen Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» gefolgt. Der erste Veranstaltungsteil widmete sich wie üblich den Konjunkturaussichten und der zweite Teil von «Zukunft Ostschweiz» machte seinem Namen alle Ehre: Im Zentrum stand der Berufsnachwuchs und die Zukunft der Berufsbildung. Sabine Bianchi und IHK-Direktor Kurt Weigelt führten als Moderatoren-Duo durch den Abend und beleuchteten das Thema in Kurzinterviews mit der Thurgauer Regierungsrätin Monika Knill, Peter Spenger (Präsident IHK St.Gallen-Appenzell), Christof Oswald (Head of Human Resources, Bühler AG) und Marco Frauchiger (Rektor Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil) von verschiedenen Seiten. Grundlegendes Fazit: Das System ist gut, könnte und müsste aber noch besser werden.

Konjunktur: Internationale Impulse stärken Wirtschaft
Vor zwei Jahren noch befand man sich in konjunktureller Sicht im Tal der Tränen: Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses drückte massiv auf die Stimmung. Davon ist heute nur noch wenig zu spüren, wie sich beim ersten Teil von «Zukunft Ostschweiz» zeigte. Gemäss Jan-Egbert Sturm, Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, profitiert die Schweizer Wirtschaft von der positiven Entwicklung vor allem in der EU aber auch den USA. Die Erholung setzt sich fort, was sich auch in einer tieferen Arbeitslosigkeit niederschlägt. Allerdings sieht die Geschäftslage je nach Branche sehr unterschiedlich aus: Während im Grosshandel, im Gastgewerbe und im Projektierungsbereich zuletzt ein Plus zu verzeichnen war, trübte sich die Situation bei den Finanzdienstleistern etwas ein. Der Detailhandel bekundet weiterhin Mühe.

Zukunft Ostschweiz
Aufnahme : Regina Kühne

Konjunktureller Aufschwung
Wie Peter Eisenhut von der ecopol ag aufzeigte, besteht aber gerade beim Detailhandel Grund zur Hoffnung: Gemäss dem aktuellen Konjunkturindex blicken die Detailhändler in unserer Region trotz weiter gesunkenen Umsätzen jetzt mit mehr Zuversicht auf die kommenden Monate. Für die Ostschweiz falle die Entwicklung aufgrund der steigenden Exporte erfreulich aus: Insbesondere die Ausfuhren der für unsere Region wichtigen MEM-Industrie sind überdurchschnittlich gewachsen. Dies schlage sich auch in der Beurteilung der Industrie nieder, wie Peter Eisenhut erklärte. So beurteilen die Industriebetriebe die Geschäftslage aktuell sehr positiv.

In Interviews mit Albert Koller (St.Galler Kantonalbank) und Michèle Mégroz (CSP AG) wurden die von den beiden Experten Sturm und Eisenhut gemachten Aussagen vertieft.

Berufsbildung: Zufrieden mit praktischer Ausbildung
Im Rahmen der Veranstaltung wurden auch Resultate eines von der IHK St.Gallen-Appenzell in Auftrag gegebenen FHS-Praxisprojektes präsentiert. Das Praxisprojekt klärte in einer breit angelegten Umfrage die Zufriedenheit mit der Berufsbildung ab. Die drei Studienautorinnen, die FHS-Studentinnen Nadine Moser, Sabrina Thürlemann und Andrina Weiler, erklärten auf der Bühne, dass der Rücklauf auf ihre Umfrage überdurchschnittlich war. Die Identifikation mit dem System der Berufsbildung ist offensichtlich nach wie vor hoch. Mehr als 1300 Lernende, ehemalige Lernende und Ausbildner aus den vier Berufsfeldern kaufmännische Berufe, technische Berufe, Detailhandel und Informatik nahmen an der Umfrage teil. Zu den wichtigsten Resultaten zählten die drei Studentinnen, dass die Zufriedenheit mit der praktischen Ausbildung in den Betrieben hoch ist. Deutlich weniger positiv äusserten sich die Befragten aber zu den beiden anderen Lernorten, den Berufsschulen und den überbetrieblichen Kursen.

Zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten
Christof Oswald, IHK-Vizepräsident und Head of Human Resources bei Bühler in Uzwil, bestätigte den Befund des Praxisprojektes. Auch er stellt fest, dass die Arbeitswelt und die Berufsschule mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Die Schulen hätten aufgrund ihrer Organisation und Struktur Mühe, dem Tempo der Wirtschaft zu folgen. Die Konsequenz sei, dass der vermittelte Schulstoff zum Teil veraltet ist. Der kontinuierliche Veränderungsprozess brauche vielmehr eine neu ausgerichtete, breitere und flexiblere Grundausbildung.

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Aufnahme : Regina Kühne

Kompetenzorientierte Berufsfachschulen
Ausgehend von dieser Analyse zeigte IHK-Direktor Kurt Weigelt auf, wie mehr Bewegung in das Berufsbildungssystem gebracht werden kann. Es sei notwendig, die fachlichen Schnittstellen stärker zu gewichten und die Unternehmen vor Ort vermehrt in die Schulentwicklung einzubinden.

Gelingen soll dies, indem die Berufsfachschulen künftig nach Kompetenzen und nicht länger nach geografischen Gesichtspunkten organisiert werden. Ziel sei es, dass für jedes Berufsfeld eine Berufsfachschule gebildet wird, die in enger Zusammenarbeit mit einem Berufsfachschulrat und Fachlehrern aus der Praxis die Berufsbildung der entsprechenden Branche in die Zukunft führt. Je nach Grösse eines einzelnen Berufes könne auch in Zukunft an verschiedenen Standorten ausgebildet werden. Eine der Voraussetzungen ist, dass die einzelnen Berufsfachschulen eine hohe organisatorische Autonomie erhalten. So müsse sich die Ausbildung in IT-Berufen anders entwickeln können als ein handwerklicher Beruf. Die politische Führung der kompetenzorientierten Berufsfachschulen soll über Leistungsvereinbarungen erfolgen. Dadurch werde auch das Tagesgeschäft der Schulen entpolitisiert.

Resultate online verfügbar
Zur Veranstaltung veröffentlicht die IHK St.Gallen-Appenzell die IHK-Schriftenreihe Nr. 37 mit dem Titel «Berufsbildung 4.0: Wieso ein gutes System noch besser werden muss». Darin werden die wichtigsten Resultate der Berufsbildungsumfrage zusammengefasst und die Schlussfolgerungen der IHK für eine kompetenzorientierte Organisation der Berufsfachschulen dargelegt. Diese Publikation und die Arbeiten des FHS-Praxisprojektes sind unter www.ihk.ch/zukunft-ostschweiz-2017 downloadbar. (pd)

 

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