Digitale Kompetenzen werden künftig essenziell sein. Doch soziale Kompetenzen sind mindestens so wichtig. (iStock)
WERBUNG

Bildung Bundesrat Schneider-Ammann will eine digitale Bildungsoffensive starten. In der Region gibt es bereits Angebote, etwa für Management in der Industrie 4.0. Doch auch soziale Kompetenzen sollen gefördert werden.

Für die Offensive plant Schneider-Ammann, beim Bundesrat 150 Millionen Franken zu beantragen. Wichtig sei, in den kommenden Monaten die Bildungsvoraussetzungen zu schaffen, «damit wir uns später nicht den Vorwurf machen lassen müssen, wir hätten irgend etwas verschlafen.» Im Januar hatte der Wirtschaftsminister vom Bundesrat den Auftrag erhalten, die Konsequenzen der Digitalisierung auf die Bildung zu untersuchen. Menschen aller Bildungsstufen müssten mit der Digitalisierung konfrontiert werden, sagte Schneider-Ammann damals. «Es gilt, den Menschen die Angst zu nehmen», so der Bundesrat zu Radio «SRF».

Ob das Geld gesprochen wird, ist fraglich, denn das Parlament hat erst kürzlich die Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation für die Jahre 2017 bis 2020 verabschiedet, jedoch ohne die 150 Millionen Franken für die digitale Bildungsoffensive. Schneider-Ammann könne aber auch damit leben, wenn die Bildungsoffensive etappiert werde oder ein kleiner Teil davon andernorts eingespart werde. «Aber das Wesentliche ist: jetzt, flächendeckend, intensiv. Das kostet. Und die Mittel müssen bereitgestellt werden», sagte Schneider-Ammann am Dienstag. Der Bundesrat wird den Antrag womöglich noch vor den Sommerferien behandeln. Beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI will man derzeit noch nicht auf Details und Inhalte der Offensive eingehen, da das Geschäft noch nicht im Bundesrat besprochen wurde.

Angst, einen Trend zu verpassen

An der Uni Liechtenstein wird derzeit die Weiterbildung Industrie 4.0 Management zusammen mit dem NTB und Rhysearch lanciert. In diesem Zertifikatsstudiengang, für dessen Zugang es keine Maturität braucht, lernen die Teilnehmer in vier Modulen unter anderem, wie sie Anwendungen der Industrie 4.0 in ihrem Unternehmen integrieren können. «Das Wissen wird in einem Projekt in den Firmen der Teilnehmer umgesetzt. Zusammen mit Coaches des Kurses werden Antworten zu Problemen der Unternehmen gesucht und mittels digitalen Werkzeugen gelöst», sagt Bernd Schenk, Hochschuldozent am Hilti Lehrstuhl für Business Process Management an der Uni Liechtenstein. Das Programm dauert berufsbegleitend rund neun Monate. «Dabei sitzt man nicht ständig im Hörsaal», so Schenk. «Die Wissensvermittlung geschieht auch virtuell und zeitversetzt, was dank der heutigen Technologien möglich ist. Das wollen wir auch gezielt einsetzen.» So werde zudem die Abwesenheit am Arbeitsplatz minimiert. «Für Seminare und Projektarbeiten trifft man sich an der Uni mit Dozierenden und anderen Kursteilnehmern.»

Dieses Programm habe das Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Liechtenstein zusammen mit Rhy-search und dem NTB für die Industrie in der Region entwickelt. Das Institut sei im Thema Digitalisierung seit Jahren engagiert und begleite Organisationen der Region aktiv auf dem Weg in die Digitalisierung

«Jedes Unternehmen muss schauen, was die Digitalisierung für die Firma bedeutet und welche Felder der Digitalisierung relevant sind. Daraus gilt es herauszukristallisieren, wie man damit Geld verdienen kann.» Die Sorge sei bei vielen Unternehmen gross, dass man einen Trend verpasse könnte und so Geld verliert. So wie es zum Beispiel Kodak passierte, das zwar Digitalkameras entwickelte, jedoch das Potenzial dahinter nicht erkannte und heute im Bereich Fotografie keine grosse Nummer mehr ist.  

HR muss aktiv werden

Doch nicht nur die Unternehmen sind in Sorge wegen der Digitalisierung. Auch viele Arbeitnehmer sind beunruhigt, weil sie befürchten, dass ihre Jobs wegen der zunehmenden Automatisierung in Gefahr sind. «Hier sind Unternehmen gefordert», sagt Schenk. «Den Mitarbeitern sollten in Workshops E-Skills beigebracht werden, damit sie technologisch mithalten können.» Auch die Uni sei gefordert und müsse das Weiterbildungsangebot weiterentwickeln. Derzeit sind viele Branchen im Wandel und würden nach Modulen für Weiterbildungen fragen. Deshalb plane man eine Art Baukasten an interdisziplinären Kursen für Themen wie Innovation, Digitale Transformation und zahlreiche weitere Themen, um diese Nachfrage zu befriedigen.

«Menschlichkeit und Kreativität werden künftig sehr gefragt sein.»

Doch nicht nur die Lehre ist gefordert, auch die Personalabteilungen in den Unternehmen stehen vor grossen Herausforderungen, da die Digitalisierung in gewissen Branchen keinen Stein mehr auf dem andern lassen wird. «In betroffenen Unternehmen müssen die Personalabteilungen die Kompetenzen der Mitarbeiter erfassen und herausfinden, wo es Lücken gibt und wie man diese mit internen Workshops oder Weiterbildungen schliessen kann. Die Uni Liechtenstein bietet diesbezüglich Beratungen an und unterstützt Unternehmen in der Entwicklung von Weiterbildungsprogrammen», so Schenk.  

Sozialkompetenzen hoch im Kurs

Jan vom Brocke, Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik und Inhaber des Hilti Lehrstuhls für Business Process Management, spricht noch einen weiteren Aspekt an: «Im Rahmen der Digitalisierung müssen klar gewisse technologische Kompetenzen erlernt werden. Doch viel wichtiger ist der Blick auf weitere Kompetenzen, die künftig im Beruf wichtig sein werden.» Denn Maschinen werden gewisse Arbeiten übernehmen, die bislang von Menschen ausgeführt wurden. «Doch es gibt Arbeiten, die nicht von Maschinen übernommen werden können. Dafür sind ausgeprägte Fähigkeiten im Bereich Kreativität, Empathie und Sozialverhalten wichtig.»

Zuhören, mutig sein, Kreativität walten lassen – solche Kompetenzen müssten daher schon in der Schule und Vorschule sowie systematisch auf allen Bildungsstufen vermittelt werden. Ein modernes Bildungssystem für die digitale Welt muss den Mensch in den Mittelpunkt rücken und gezielt menschliche Kompetenzen fördern und ausbauen. Doch dafür müsste sich die Schule weiter öffnen. «Noch immer findet die Schule mehrheitlich im Schulzimmer und unter Gleichaltrigen statt. Es wäre wertvoll für die Schüler, wenn die Schule in anderen Umwelten und mit Menschen verschiedenen Alters und diverser Hintergründe stattfinden würde, wie etwa in einem Spital, einem Marktplatz oder einem Altersheim. In offenen Erlebnisräumen können soziale Kompetenzen besser erlernt werden als in einem Schulzimmer.» Hier sieht vom Brocke grosses Potenzial für Liechtenstein. Neue Ansätze könnten schneller als anderswo umgesetzt werden und das Bildungssystem könnte Modellcharakter bekommen für eine Ausbildung, die sowohl Technologiekompetenz als auch starke Persönlichkeits- und Sozialkompetenz vermittelt. «Das wäre das Beste, was wir für die Zukunft des Landes tun könnten», ist vom Bocke überzeugt. «Menschlichkeit und Kreativität wird in Zukunft im Beruf sehr gefragt sein. Wir müssen uns darauf einstellen: Der Beruf der Zukunft ist der Beruf, den Maschinen nicht machen können.»

Mit Innovation und Kreativität habe es Liechtenstein in der Welt schon weit gebracht. Mit der Digitalisierung entstehen neue Chancen. «Man sehe sich Unternehmen wie Uber, AirBnB oder Skype an. Diese haben Applikationen entwickelt, die auf der ganzen Welt erfolgreich funktionieren und somit digital exportiert wurden.» Ob diese im Silicon Valley, in China, in Vaduz oder Buchs entwickelt wurden, komme nicht drauf an. Wer die beste Idee hat und diese umsetzen und vermarkten kann, der wird am Markt erfolgreich sein. «Liechtenstein», so Jan vom Brocke, «hat dafür sehr gute Voraussetzungen, die durch eine moderne Bildungslandschaft für die digitale Welt weiter gefördert werden können.»

Kooperation mit ETH und Lehrplan

Auch für die Liechtensteiner Regierung ist digitale  Bildung wichtig. «Unsere Bildungsexperten im Bereich digitale Medien sind gut vernetzt und pflegen regelmässig Kontakt mit den zuständigen Fachstellen einzelner Kantone», teilt das Ministerium für Inneres, Bildung und Umwelt auf Anfrage schriftlich mit.  Über aktuelle Entwicklungen erfolge ein intensiver Austausch. «Die digitale Bildungsoffensive steht in Liechtenstein also nicht erst in den Startlöchern – sie ist bereits gestartet.» Als Beispiel nennt das Ministerium, dass Programmieren mittels einer Kooperation mit der ETH Zürich seit Herbst 2016 an Liechtensteiner Schulen angeboten werde. Zudem habe die Regierung beschlossen, den Lehrplan 21 aus der Schweiz zu übernehmen und für Liechtenstein zu adaptieren. Der Bereich «Medien und Informatik» bildet einen zentralen Bestandteil des neuen Lehrplans. Dem digitalen Bereich werde daher in naher Zukunft ein noch stärkeres Gewicht beigemessen. (jeb)

 

WERBUNG

Kommentieren Sie den Artikel

Geben Sie hier bitte Ihren Kommentar ein
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein